Ergänzungskarte

Prolog

 

„Sie benötigen eine Ergänzungskarte“. Die Zugbegleiterin sah mich mit strengem Blick an. 

„Ihnen fehlen zwei Ringe. Ihre Karte ist nur für den Großbereich Hamburg gültig, Sie brauchen für die Fahrt nach Winsen aber den Gesamtbereich!“, fuhr sie fort. Seit kurzem war die Strecke Winsen – Hamburg mein neuer, unfreiwilliger Arbeitsweg. Über die Gültigkeit meiner Dauerkarte hatte ich mir bis zum Zeitpunkt dieser Kontrolle keine Gedanken gemacht. Zu viele andere Dinge kreisten durch meinen Kopf, der wie in Watte gepackt schien. 

Irgendwo in meinem Kopf hatte jemand scheinbar die Pause-Taste gedrückt. Während eine meiner Gehirnhälften noch versuchte, den sperrigen, deutschen Begriff Ergänzungskarte zu verarbeiten, unterdrückte ich den Impuls, ihr zu sagen, dass ich derzeit andere Sorgen als eine fehlende Ergänzungskarte hatte. Stattdessen sah ich sie mit müden Augen an. 

„Das wusste ich nicht. Das tut mir leid“. Ich bereitete mich innerlich auf weitere Belehrungen vor, jedoch schien etwas in meinem Blick sie milde zu stimmen. Mit einem leichten Lächeln und einem „Beim nächsten Mal dann“, gab sie mir meine Jahreskarte zurück. Ich bedankte mich und war froh, die Fahrt fortsetzen zu können, ohne die weitere Aufmerksamkeit des restlichen Zugabteils auf mich zu ziehen. Krise vorerst abgewendet. Meine äußere Fassade stand, aber wie lange noch? 

Ich setzte meine Fahrt bis zum Bahnhof Winsen fort und stapfte gedankenverloren zu meinem Auto. Es fiel mir schwer, in die Wohnung zurückzukehren, die bis vor wenigen Wochen noch die Heimat meiner Mutter war, auch wenn ich wusste, dass mich dort jemand sehnlichst erwartete und sich freuen würde, mich zu sehen. Ich atmete tief ein und fuhr los. Mein Leben benötigte zu dem Zeitpunkt dringender eine Ergänzungskarte, als es meine Dauerkarte tat.

*

„Hallo, ich heiße Daniela und meine Mutter ist Alkoholikerin“. Ich schaute nervös die anderen Teilnehmer der Al-Anon Runde an, ein Programm, welches speziell für Angehörige alkoholkranker Menschen gegründet worden war. Sie schauten mich mitfühlend an, denn sie kannten meine Gefühlslage nur allzu gut. Ich hatte mich lange vor diesem Schritt gescheut. Jetzt war ich allerdings an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich Hilfe brauchte. Ich räusperte mich und begann zu erzählen.

Teil I

 

 

Wann der Alkohol in unser Leben trat, kann ich rückblickend nicht genau beantworten. Er schien immer ein Teil unserer Familie gewesen zu sein. In meiner Kindheit war es normal, dass bei Feiern Alkohol konsumiert wurde und die Feiernden sich nach durchzechter Nacht kaum noch auf ihren Beinen halten konnten. Manche mussten von anderen Mitfeiernden gestützt oder sogar getragen werden, um zum Taxi oder nach Hause zu gelangen. 

 

Ebenso schien es gang und gäbe zu sein, dass bei einer nachmittäglichen Kaffeerunde Alkohol auf dem Tisch stand. Gefallen hat mir das alles nicht. Im Beisein von betrunkenen Erwachsenen fühlte ich mich bereits als kleines Kind unwohl, selbst wenn es Verwandte, Bekannte meiner Eltern oder meine Eltern selbst waren. Betrunkene verhielten sich in meinen kindlichen Augen laut, dumm und stanken. Ich verstand nicht, warum man so viel trinken musste, um Spaß zu haben. Erst später als erwachsene Frau wurde mir klar, dass manch einer von ihnen wahrscheinlich so exzessiv trank, um seine Probleme zu verdrängen. 

 

 

*

 

 

Ich liebte meine Großeltern mütterlicherseits über alles und ich verbrachte gerne Zeit mit ihnen. Es gab nie ein böses Wort und an einen Klaps auf den Po kann ich mich auch nicht erinnern. Kurzum: ich hätte mir keine besseren Großeltern wünschen können. Diese bedingungslose Liebe zwischen meinen Großeltern und mir wurde auch nicht dadurch auf die Probe gestellt, dass Opa manchmal betrunken von der Arbeit heimkam, weil er der Versuchung, die frisch erhaltene Lohntüte in Flüssiges umzuwandeln, nicht widerstehen konnte. 

 

An manchen Tagen kam noch eine blutige Nase hinzu, weil es in der Kneipe eine Schlägerei gegeben hatte oder er im Suff gestürzt war. Oma schimpfte wie ein Rohrspatz, aber mein Vater fand das alles schrecklich lustig, wenn er im Nachhinein davon erfuhr. Als kleines Mädchen konnte ich über den Anblick meines blutenden Opas allerdings nicht wirklich lachen. 

 

Mamas lautes Weinen weckte mich eines Nachts aus meinem Tiefschlaf. Meine Eltern waren von einer Geburtstagsfeier meines Opas heimgekehrt. Wie Mama mir unter Schluchzen erzählte, hatte es bei der Feier einen tödlichen Verkehrsunfall gegeben, als ein Gast eine Straße überqueren wollte, um sich beim gegenüberliegenden Kiosk Zigaretten zu kaufen. Er wurde von einem Auto erfasst und starb noch an der Unfallstelle. 

 

Mein Opa war zu dem Zeitpunkt bereits so betrunken, dass er nicht verstand, was passiert war und wütend wurde, weil seine Gäste die Feier angesichts des tragischen Unfalls sofort beenden wollten. Das ganze Ausmaß begriff er erst, als er am nächsten Morgen wieder nüchtern war und seiner trauernden Nachbarin gegenübertreten musste, die am Vorabend ihren Sohn auf der Feier verloren hatte und dessen Tochter zukünftig ohne Vater aufwachsen musste. 

 

Meine Oma hielt sich, was den Alkohol anging, in der Zeit zurück. Ich sah sie nie trinken. Allerdings wunderte ich mich, warum sie so oft auf der Couch lag. An manchen Tagen wirkte sie sehr schwach, an anderen Tagen wiederum war sie wie ausgewechselt und wir gingen gemeinsam in die Fußgängerzone, um Eis zu essen und Einkäufe zu erledigen. Mama erzählte mir, dass Oma „Zucker“ habe und sich manchmal nicht gut fühle. An den Anblick der Spritzen gewöhnte ich mich Gott sei Dank schnell. Der Gedanke, dass dies nur die halbe Wahrheit gewesen sein könnte, kam mir erst Jahre später.

 

Alles in allem hatte ich jedoch eine sehr unbeschwerte Kindheit. Ich hatte liebevolle Eltern und mir mangelte es an nichts. Da Mama nach meiner Geburt bald wieder anfing als Bürokauffrau zu arbeiten, konnten wir dank der zwei Gehälter von unserer Einzimmerwohnung in eine etwas größere Wohnung umziehen. Der Hamburger Stadtteil Harburg galt damals als raues Arbeiterviertel. Er kam vielleicht etwas farblos daher, aber es war ein friedliches Miteinander in unserem Viertel. Harburgs Ruf war nicht der Beste, aber ich liebte den Stadtteil und fühlte mich als Kind dort sehr wohl. 

 

Einer der größten Arbeitgeber in Harburg war die Phoenix AG. Mein Großvater und Vater arbeiteten beide dort, nachdem mein Vater seinen Job als Lastwagenfahrer aufgegeben hatte. Waren sie in den ersten Jahren noch direkt im Stammwerk in Harburg beschäftigt, schickte man sie bald in die weite Welt hinaus, um Förderbänder rund um den Globus zu montieren. Nach getaner Arbeit wurde die Freizeit vor Ort meist mit dem Konsum von Alkohol verbracht. Diverse Fotos in alten Fotoalben sind heute noch stille Zeitzeugen dieser fragwürdigen Freizeitaktivität.

 

Nach dem Renteneintritt meines Opas nahmen andere Kollegen seinen Platz ein und mein Vater war immer seltener zuhause. Die Auftragsbücher der Phoenix waren voll. Als waschechtes Mama-Kind störte es mich kaum. Ich verbrachte die Zeit spielend auf dem Hof mit den Nachbarskindern oder traf mich mit Schulfreunden. Mama war auch nicht so streng, was meine Hausaufgaben anging und ließ mir alle Freiheiten. Zu dem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass dunkle Wolken am Horizont aufzogen und es mit der Idylle bald vorbei sein sollte.

 

 

*

 

 

Ein kleiner, heruntergebrannter Kerzenstummel veränderte unser Leben für immer. Mein Vater war seit einigen Monaten regelmäßig beruflich an den Wochenenden im Ruhrgebiet unterwegs. Für gewöhnlich überließ er es meiner Mutter, sich um seine Wäsche zu kümmern, also räumte sie seine Tasche aus und sortierte die dreckige Wäsche. Dieses Mal befand sich jedoch ein ungewöhnlicher Gegenstand zwischen seiner dreckigen Arbeitskleidung: ein Kerzenstummel. Ein fragender Blick trat auf das Gesicht meiner Mutter und auch ich hatte in meiner fast noch kindlichen Naivität im Alter von knapp 12 Jahren keine plausible Antwort dafür, wie sich so etwas in die dreckige Wäsche meines Vaters verirren konnte. Wir waren auf seine Antwort gespannt. 

 

Meine Mutter war ein herzensguter Mensch, die ihre Mitmenschen oftmals in den Mittelpunkt rückte und sich und ihre Bedürfnisse hintenanstellte, allerdings zeichnete sie sich gleichzeitig durch einen untrüglichen Instinkt und ein treffsicheres Gespür aus. Sie witterte den Verrat bereits, bevor es mein Vater nach endlosem Nachbohren und weiteren mysteriösen Kerzenstummeln in den darauffolgenden Wochen endlich zugab: er hatte eine Affäre. Offenbar hatte er während einer seiner Aufenthalte im Ruhrgebiet eine Frau kennengelernt. Wie wir später herausfanden, waren einige seiner Kollegen ebenfalls keine Kinder von Traurigkeit. Wenn man nach Feierabend in eine Kneipe einkehrte, um den Arbeitstag mit Alkohol runterzuspülen, warum nicht gleich den Abend in netter Gesellschaft mit einigen kontaktfreudigen Frauen verbringen?

 

Als mein Vater endlich mit der Wahrheit herausrückte, brach für meine Mutter eine Welt zusammen. Sie liebte meinen Vater abgöttisch. Er war ihre große Liebe. Mein Vater redete sich um Kopf und Kragen, aber nichts konnte die Tränenflut meiner Mutter stoppen. In meinem Bauch formte sich ein schmerzhafter Kloß. Wie sollte es jetzt weitergehen? Mein Vater versprach, die Beziehung zu der anderen Frau zu beenden, aber es waren nur leere Worthülsen, wie wir bald herausfinden mussten. Ich war mit dieser neuen Situation völlig überfordert. Meine bis dato unbeschwerte Kindheit endete schlagartig an diesem Tag und ich sollte fortan schneller erwachsen werden als mir lieb war.

 

Uns blieb nicht verborgen, dass Papa jeden Tag etwas später von der Arbeit nach Hause kam, weil er nach Feierabend noch von einer Telefonzelle aus bei seiner Geliebten anrief. Brauchte er früher normalerweise 20 Minuten für den Fußweg nach Hause, war es jetzt bisweilen die doppelte Zeit und mehr. Schlüssige Erklärungen hatte er für seine Verspätungen nicht. Er war ein schlechter Schauspieler und mit jeder seiner Lügen machte er die Situation für Mama und mich unerträglicher. 

 

Eines Tages schien sein Verlangen nach Kontaktaufnahme zu seiner Geliebten so groß zu sein, dass er es für eine gute Idee hielt, einfach die Wohnzimmertür hinter sich zu schließen, um heimlich mit ihr telefonieren zu können. Das hätte vielleicht in einem Nebenflügel des Buckingham Palace gut funktioniert, jedoch lebten wir auf hellhörigen 50 qm² und ich bekam in meinem Kinderzimmer mit, wie er verschwörerisch in den Telefonhörer flüsterte. Ich erzählte sofort Mama davon, als sie nachmittags von der Arbeit nach Hause kam. Sie kochte vor Wut und das Geschrei war groß. 

 

Ich weiß bis zum heutigen Tag nicht, ob pure Dummheit oder Dreistigkeit dahintersteckte, als er einige Zeit später unerklärlicherweise auch zum Telefon griff, als meine Mutter gerade etwas in der Küche vorbereitete. Lautes Gepolter und Geschrei aus dem Wohnzimmer ließen mich hochschrecken. Mama war ins Wohnzimmer gestürmt, riss meinem Vater wutentbrannt das Telefon aus der Hand und knallte den Hörer schreiend auf die Gabel. Eine Vase fiel zu Boden und ging zu Bruch. Ich stürzte aus meinem Zimmer. Ich hatte Angst, dass die Situation nun komplett eskalierte und meine Eltern handgreiflich werden könnten. 

 

All der angestaute Frust von Mama und die Wut der letzten Wochen mussten offenbar raus und sie schrie Papa aufgebracht an. Irgendwann übermannte sie die Trauer und sie floh laut weinend in die Küche. Ich fühlte mich hilflos. Was passierte hier mit uns? Waren wir bis vor kurzem nicht eine glückliche und intakte Familie gewesen? Nach diesem Zwischenfall telefonierte mein Vater wieder von der Telefonzelle aus.

 

 

*

 

 

Es war schwer für mich, mit ansehen zu müssen, wie Mama sich aufrieb. Ich hing an meinem Vater, aber ich konnte ihm seinen Verrat an uns nicht verzeihen. Inzwischen hatte offenbar auch seine Geliebte davon Wind bekommen, dass bei uns die Bombe geplatzt war und sie schien gewillt, mit allen Mitteln um ihn kämpfen zu wollen. Ich kam meistens vor meinem Vater von der Schule nach Hause, wenn er im Harburger Werk arbeitete und nicht reisen musste.

 

Eines Nachmittags klingelte das Telefon. Ich dachte, es sei meine Mutter. Sie rief regelmäßig vom Büro aus an, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei. Sie hätte mir das gern alles erspart, das war mir nur allzu schmerzlich bewusst. Sobald mein Vater zuhause war, hatten wir keine Möglichkeit mehr, ungestört die Köpfe zusammen zu stecken. 

 

„Henningsen?“ meldete ich mich in Erwartung, gleich die Stimme meiner Mutter zu hören. Stille. „Hallo?“, fragte ich. Stille. Ich legte auf und zuckte mit den Schultern. Es klingelte nochmal. „Hallo?“ Auch dieses Mal nur Totenstille in der Leitung. Ich legte wieder auf und rief meine Mutter an. „Hast du mich gerade angerufen?“, fragte ich sie. „Nein, wieso?“ Ich erzählte ihr von den zwei Anrufen. „Komisch“, erwiderte sie und wir beendeten das Gespräch, ohne eine schlüssige Antwort gefunden zu haben.

 

Es klingelte wieder. Wieder nur Stille in der Leitung. Ich legte auf. Langsam nervte es mich. Es klingelte wieder. Und wieder. Und wieder. Niemand meldete sich am anderen Ende der Leitung. Kurz bevor mein Vater gewöhnlich von der Arbeit nach Hause kam, hörte das Klingeln auf magische Weise auf. Seltsam. Ich erzählte ihm davon, als er zur Tür reinkam, aber er hatte auch keine Erklärung dafür, also ließen wir das Thema erstmal fallen. Bis das Telefon am nächsten Nachmittag erneut klingelte und am Tag darauf auch und den folgenden Tag auch…. Es hörte nicht auf und es machte mich fast wahnsinnig. 

 

Das Telefon klingelte unaufhörlich und niemand meldete sich. An Hausaufgaben war bei diesem konstanten Gebimmel nicht zu denken. Irgendwann legte ich den Hörer entnervt neben den Apparat. Endlich Ruhe! Mein Vater tat immer noch ahnungslos, aber bei meiner Mutter und mir regte sich ein Verdacht. Niemand aus unserem näheren Umfeld wäre zu so etwas fähig. Da waren wir uns einig. Nur einer Person würden wir so etwas zutrauen. Eine Person, die offenbar wusste, wann mein Vater zuhause sein würde und wann nicht. Die große Unbekannte. 

 

Mein Vater wiegelte ab. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass „Karin“ zu so etwas fähig sei. Jetzt hatten wir immerhin einen Namen, allerdings noch kein Gesicht. Die Diskussion führte zu nichts. Also klingelte das Telefon weiter und weiter. Wenn mein Vater an den Wochenenden beruflich unterwegs war (inzwischen glaubten wir ihm seine Dienstreisen auch nicht mehr), kam meine Mutter ebenfalls in den Genuss des dauerklingelnden Telefons. Manchmal riss sie den Telefonhörer von der Gabel und schrie „Lass‘ uns endlich in Ruhe!“ hinein, aber wir wussten, dass es nichts bewirken würde.

 

 

*

 

 

Während wir uns diesem Telefonterror ausgesetzt sahen, kündigte eine Benachrichtigung in unserem Briefkasten ein Päckchen für uns an. Ich zog meine Schuhe an und zuckelte los zur Postfiliale, die nicht weit entfernt von unserer Wohnung war. Zuhause angekommen öffnete ich das Päckchen und stutzte. Was war das? Unter Latexhandschuhen versteckte sich allerhand medizinisches Zeug, unter anderem auch Spritzen. Ich fand einen Zettel. Vorsichtig fischte ich ihn mit meinen Fingern heraus. „Anbei alles für deinen nächsten Schuss“, stand darauf. Was zur Hölle sollte das bedeuten? Ich verstand nur Bahnhof. 

 

Eine Adresse des Absenders war nirgends zu finden. Mein Blick fiel wieder auf die Spritzen und da dämmerte es mir. Ich rief meine Mutter im Büro an und erzählte ihr von dem Paket. Uns beiden war sofort klar, wem wir diese Aktion wohl zu verdanken hatten. Mama machte schnell Feierabend und kam nach Hause. Papa war auf „Dienstreise“, also konnten wir ihm unsere neueste Errungenschaft erst später präsentieren. Mama schlug vor, zur Polizei zu gehen. Für sie war eine weitere Grenze überschritten und das penetrante Telefon war schließlich auch noch ein leidiges Dauerthema. 

 

Ein Beamter sah sich das Paket an, machte uns allerdings kaum Hoffnung, irgendetwas brauchbares zu finden. Es war frustrierend. Diese Frau machte uns das Leben zur Hölle und wir konnten nichts dagegen tun. Und was noch viel schwerer wog, war der Unglaube meines Vaters, dass sie etwas damit zu tun haben könnte. Dachte er, wir würden uns das alles ausdenken, um ihn von ihr fernzuhalten? 

 

Ich fing langsam an, unter Verfolgungswahn zu leiden: War der Mann, der vor unserer Wohnung in seinem Auto saß und den ich kurze Zeit später wieder in einer Querstraße parken sah, ein Anwohner oder hatte uns Papas Geliebte jetzt auch noch einen Detektiv auf den Hals gehetzt? Ich wusste nicht mehr, was ich noch glauben oder denken sollte. Alles schien möglich zu sein. 

 

Unsere Nerven lagen blank und dieser Psychoterror forderte seinen Tribut. Mama ging es immer schlechter. Die Trauer und Wut schlugen ihr auf den Magen. Ich konnte hören, wie sie sich auf der Toilette übergab. Sie aß kaum noch und verlor dadurch schnell an Gewicht. Ihre Magenschmerzen versuchte sie mit Maaloxan in den Griff zu bekommen, mit mäßigem Erfolg. Sie war bald nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ich versuchte, irgendwie zu funktionieren, weil ich sah, wie schlecht es meiner Mutter ging. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen um mich machte, was sie natürlich mehr als genug tat. Momentan entlud sich alles kübelweise über uns und wir standen hilflos vor einem Scherbenhaufen.

 

 

*

 

 

Die Sommerferien nahten, allerdings war ein Familienurlaub aufgrund der chaotischen familiären Verhältnisse in weite Ferne gerückt, also gönnten Mama und ich uns eine kurze Auszeit von Papa. Als Ziel wurde ein kleiner, unbekannter Ort mit wohlklingendem Namen in Griechenland auserkoren: Olympic Beach. Da Mamas beste Freundin und deren Tochter vor nicht allzu langer Zeit einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hatten, war es für uns alle dringend an der Zeit, auf andere Gedanken zu kommen. Wir bildeten eine Art Schicksalsgemeinschaft. Die Voraussetzungen für einen perfekten Urlaub waren zwar nicht gegeben, aber wir machten das Beste daraus und genossen unbeschwerte Momente in schweren Zeiten. 

 

Unglücklicherweise schaffte es mein Vater sogar aus der Ferne noch, Salz in unsere Wunden zu streuen. In einem Telefonat eröffnete er meiner Mutter, dass er gerne getrennte Konten hätte. Wir wussten natürlich sofort, dass dies nur dazu dienen sollte, seine Spuren zu verwischen und es setzte Mama entsprechend zu. Tränen flossen. Auch im fernen Griechenland konnte man der Realität daheim nicht komplett entfliehen. Im Nachhinein mussten wir außerdem herausfinden, dass er unsere Abwesenheit für ein romantisches Wochenende mit seiner Geliebten genutzt hatte. Unseren Hund brachte er für diesen Zeitraum in einem Tierheim unter. Ich merkte, wie sich zu meiner Trauer langsam ein neues Gefühl gesellte: Wut.

 

Wir kehrten aus dem sonnigen Griechenland in unseren tristen Alltag zurück und das kleine, hart erkämpfte Gefühl der Unbeschwertheit verflog schnell. Oma und Opa waren erwartungsgemäß am Boden zerstört, als Mama ihnen notgedrungen berichten musste, wie es um ihre Ehe bestellt war. Opa äußerte Mama gegenüber wiederholt sein Unverständnis, warum sie meinen Vater nicht verließ, aber er stieß bei ihr auf taube Ohren. Sie wollte meinen Vater nicht kampflos aufgeben. Meine Großeltern mussten von der Seitenlinie aus zuschauen, wie ihre Tochter und Enkeltochter in immer mehr Einzelteile zerfielen. Wir versuchten zwar, so gut es irgendwie ging, unser Seelenleben vor ihnen zu verbergen, aber sie waren nicht blind. 

 

Opa trank jetzt öfter und brach dann unvermittelt in Tränen aus. Das tat er sonst nur, wenn er an seine Erlebnisse im Krieg dachte (über die er nie mit uns sprach). Oma litt still. So merkten wir erst, wie schlecht es ihr ging, als eines Tages das Telefon bei uns klingelte. Opa berichtete Papa, dass er bei Oma Alkohol gefunden hätte und sie wohl wieder trinken würde. Der Kreis der Versehrten wuchs unaufhörlich. Mama fing an zu weinen, als Papa es ihr im Anschluss in der Küche erzählte. Ich war in Schockstarre und merkte, wie mein Herz verkrampfte. Uns allen war bewusst, dass bei ihrem derzeitigen Gesundheitszustand Alkohol eine erhebliche Gefahr für sie darstellte.

 

Ich wusste nicht viel über Omas Vergangenheit. Erst nach und nach offenbarte meine Mutter, was Oma in Kriegszeiten durchlitten hatte und wie es später ihre eigene Kindheit beeinflusste. Alkohol spielte eine große Rolle bei der Verdrängung ihrer furchtbaren Kriegserlebnisse, leider auf Kosten ihrer Gesundheit und zu Lasten ihrer kleinen Tochter. Hatte ich meine Großeltern immer als liebevoll wahrgenommen, klagte meine Mutter über eine emotional entbehrungsreiche Kindheit und den übermäßigen Alkoholkonsum ihrer Eltern während ihres Aufwachsens. Offenbar war das, was ich damals stellenweise als normal empfand, im Rückblick doch nicht so normal.

 

Nachdem Opa uns über Omas Rückfall informiert hatte, konnte ich mir bald selbst ein Bild von ihrem Zustand machen. Eines Nachmittags rief sie mich an. Ich hörte sofort an ihrer Stimme, dass etwas nicht stimmte. Sie klang irgendwie anders, irgendwie schleppend, und nicht alles ergab Sinn, was sie mir erzählte. Als ich Mama von dem Anruf erzählte, explodierte sie förmlich. Sie griff zum Telefon, rief meine Oma an und sagte ihr, dass sie mich nie wieder betrunken anrufen solle, sonst würde sie den Kontakt zu mir unterbinden. Etwas schien sie enorm getriggert zu haben.

 

Ich war traurig und fühlte mich in dem Moment ziemlich hilflos. Ich liebte Oma über alles, allerdings mochte ich es nicht, wenn sie betrunken mit mir sprach. Inzwischen bemerkte ich nämlich auch bei Mama von Zeit zu Zeit diese schleppende Stimme und diese merkwürdig glasigen Augen. Sie hatte offenbar alle ihre Werkzeuge zur Selbsthilfe aufgebraucht und suchte jetzt nach neuen Ventilen, um ihrer Gefühle Herr zu werden. Ob sie bewusst oder unbewusst den Weg ihrer Mutter einschlug, vermag ich nicht zu beurteilen. Es bricht mir jedoch das Herz, dass sie, die in ihrer Kindheit miterleben musste, welchen Schaden Alkohol anrichten kann, letztendlich selbst zur Flasche griff, weil scheinbar kein anderer Rettungsanker mehr in greifbarer Nähe zu sein schien. Ich wollte mir nicht ausmalen, was uns in Zukunft noch erwarten würde. Es sah jetzt schon viel zu düster aus.

 

 

*

 

 

Omas Zustand verschlechterte sich rapide und sie musste ins Krankenhaus, denn ihr Körper verkraftete erwartungsgemäß den Alkohol nicht. Ich hatte Angst. Mama wollte mir den Anblick ersparen und fuhr allein ins Krankenhaus. Ich sah Oma nie wieder. Sie schrieb mir Postkarten und erzählte, wie sehr sie mich vermisste, aber Mama blieb hart und ich hatte keinen Mut, um aufzubegehren. Also las ich ihre Postkarten und tat… nichts. Sie starb und bis zum heutigen Tag bereue ich es, ihr in ihren letzten Wochen aus dem Weg gegangen zu sein. Sie wurde 58 Jahre alt. 

 

Der Anblick meines weinendes Opas in unserem Wohnzimmer war zu viel für mich. Ich lief weinend in mein Kinderzimmer und knallte die Tür zu. Wir hatten in den Vorjahren bereits von einigen Angehörigen Abschied nehmen müssen, aber dieser Verlust schmerzte mich besonders. Die Trauer überforderte mich und ich nahm nicht an der Beerdigung teil. Das bereue ich heute ebenfalls zutiefst. Der Tod meiner Oma markierte einen weiteren Tiefpunkt. Es schien keinen einzigen Lichtstreifen mehr am Horizont zu geben. Im Gegenteil: die Eheprobleme meiner Eltern waren nach wie vor ungelöst, meine Schulnoten verschlechterten sich zusehends und Mama trank inzwischen öfters heimlich. 

 

Unser Wohnzimmerschrank beinhaltete eine Minibar, die sich über eine Klappe öffnen ließ. Das leise „Klack“ beim Öffnen und Schließen der Minibar konnte ich in meinem Kinderzimmer genauso gut hören, wie einst die heimlichen Telefonate meines Vaters. Mein Herzschlag setzte jedes Mal aus und mein Magen verkrampfte sich, wenn ich es hörte und schnell begann ich, dieses Geräusch zu hassen. Manchmal wenn ich es hörte, stürmte ich ins Wohnzimmer, aber wie bereits auch schon mein Vater mit seinen vermeintlich heimlichen Telefonaten, so wurde auch meine Mutter nachlässiger, was das Vertuschen anging. 

 

Manchmal stand ihr Glas für einen Moment unbeobachtet auf dem Wohnzimmer- oder Küchentisch und ich konnte den Weinbrand in der Cola schon von Weitem riechen. Hatte sie anfangs noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich sie auf frischer Tat ertappte, hatte sie inzwischen keine oder nur noch eine gereizte Antwort für mich parat, wenn ich sie mit ihrer Trinkerei konfrontierte. Erste Risse taten sich in unserer Beziehung auf. Unser einst bedingungsloser Zusammenhalt bröckelte. Ich merkte, wie uns der Alkohol Stück für Stück zu entfremden begann und dieses Gefühl schmerzte mich bald mehr als Papas Untreue.

 

 

*

 

 

Meine Eltern waren nach einem endlosen Hin und Her an dem Punkt in ihrer Beziehung angelangt, an dem eine räumliche Trennung unausweichlich wurde. Mama hatte trotz der Untreue meines Vaters wie eine Löwin um ihn gekämpft. Vergeblich. Alles Betteln und Flehen ihrerseits änderte nichts daran, dass ihre Ehe offensichtlich ihr Haltbarkeitsdatum überschritten hatte. 

 

Sie hatte alles versucht: es gab ein aufwühlendes Treffen mit der vermeintlichen Gegenspielerin, von dem ich nicht sagen kann, wie es zustande kam und was es bezwecken sollte. Es änderte nichts an der verfahrenen Situation. Im Gegenteil: Mama brauchte im Anschluss erst einmal einen kräftigen Drink, um das Gespräch zu verdauen. Ein anderes Mal fragte sie mich, ob ich nicht meinen Vater bitten könne zu bleiben, aber ich wollte das nicht. Ich verstand ihren Wunsch, aber es war nicht meiner und er bereitete mir Magenschmerzen. Ich sehnte mich nach einem Schlussstrich und ich wollte Papa weder anbetteln noch als Werkzeug von irgendjemandem benutzt werden, auch wenn es sich dabei um meine eigene Mutter handelte. An dem Abend täuschte ich Kopfschmerzen vor. 

 

Der Tag, an dem mein Vater in seine neue Wohnung zog, war für uns eine einzige Qual. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis alle seine Sachen gepackt waren. Mama half ihm sogar noch beim Transport in die neue Wohnung, obwohl sie am Boden zerstört war. Ein weiterer „Solange gekämpft und doch verloren“ – Moment, den wir als Familie durchleben mussten. Gleichzeitig wusste ich, dass dieser Schritt längst überfällig war. Heute sehe ich die Trennung als einen Schlüsselmoment, der die Stellung der Weichen für unsere Zukunft maßgeblich beeinflusst hat. 

 

So schlimm ich die Trennung meiner Eltern damals auch empfand, war es die einzig richtige Entscheidung zu diesem Zeitpunkt. Ja, es fühlte sich wie eine Niederlage an, dass wir als Familie gescheitert sind, aber ich bin überzeugt, dass meine Mutter sich nach einer gewissen Zeit wieder berappelt hätte. Sie trank zwar bereits viel, aber sie schaffte es durchaus auch phasenweise ohne Alkohol. Sie arbeitete nach wie vor Vollzeit und verdiente genügend, um sich und ihre damals noch minderjährige Tochter finanziell allein über Wasser halten zu können. Wir hätten eine Chance gehabt, unser Leben wieder in halbwegs normale Bahnen lenken zu können. Hätten.

 

Papa merkte schnell, dass es ohne Familienanschluss sehr einsam um ihn herum war. Er zeigte sich reumütig und Mama nahm ihn glücklich wieder bei uns auf. Für eine kurze Zeit kehrte wieder so etwas wie Normalität bei uns ein. Natürlich beobachteten wir Papas Tun und Handeln mit Argusaugen, aber es hatte tatsächlich den Anschein, dass er die Affäre beendet hatte. Mama ließ vorübergehend die Finger vom Alkohol und erklärte sich sogar bereit, in eine Entzugsklinik zu gehen. Ich war erleichtert und für einen kurzen Moment hatte ich die Hoffnung, dass jetzt alles besser werden würde. Allerdings musste ich erkennen, dass es reines Wunschdenken war. 

 

Sie fühlte sich in der Klinik offenkundig fehl am Platze, wie sie mir am Telefon mitteilte. Sie sah sich nicht als ein Teil der Gruppe, denn in ihren Augen unterschied sich ihr Suchtproblem deutlich von den Suchtproblemen der anderen Patienten. Also saß sie dort mehr oder weniger ihre Zeit ab in der Annahme, dass sie ihr Alkoholproblem selbst in den Griff bekommen könne, wenn sie die Klinik verließ. Ich war da weitaus weniger optimistisch gestimmt und sollte leider Recht behalten, denn Papas nächster Fehltritt sollte nicht lange auf sich warten lassen.

 

Seit seiner Rückkehr waren wir permanent auf der Hut gewesen, denn uns war bewusst, dass seine Geliebte ihn nicht kampflos aufgeben würde und weitere Versuche unternehmen würde, Unruhe zu stiften. So sehr wir Papa auch vertrauen wollten, war unser Misstrauen ihm gegenüber unverändert groß. Wir trauten seiner Entschlossenheit nicht. Würde er wieder schwach werden, wenn sie sich bei ihm meldete und ihn anbettelte, ihr noch eine Chance zu geben? Mamas berühmtes Bauchgefühl lieferte die Antwort. Sie ahnte, dass wieder irgendetwas im Busch war und er musste letztendlich zähneknirschend zugeben, dass er wieder Kontakt zu seiner Geliebten gehabt hatte. Wir waren zurück auf Anfang und ich hörte das „Klack“ der Minibar wieder regelmäßig. 

 

 

*

 

 

Meine Freundinnen waren zu der Zeit die wichtigsten Stützen für mich. Bei ihnen konnte ich mich zu jeder Tages- und Nachtzeit ausheulen. Ihr offenes Ohr war in meiner damaligen Situation das größte Geschenk für mich. Während sie in der Pubertät langsam begannen, sich für Jungs zu interessieren und an den Wochenenden ausgingen, blieb ich meistens lieber zuhause. Einerseits war ich antriebslos, andererseits wollte ich in erster Linie sichergehen, dass meine Eltern sich nicht gegenseitig an die Gurgel gingen, wenn ich nicht da war. Natürlich wollte ich es auch meiner Mutter so schwer wie möglich machen, heimlich zu trinken, wenn mein Vater nicht zuhause war. Ich wusste, dass sie sich permanent das Hirn zermarterte, wo er sich wohl gerade rumtrieb und ob er wieder Zeit mit seiner Geliebten verbrachte. Es war ein Teufelskreis.

 

Von den Erwachsenen in meinem Umfeld erwartete ich inzwischen keinerlei Hilfe mehr. Niemand von ihnen fragte mich jemals, wie es mir bei all dem Chaos zuhause ginge. Dabei waren sie sehr wohl im Bilde darüber, was bei uns los war. Hatten sie Angst vor meiner Antwort oder überspielte ich alles so perfekt, dass sie automatisch annahmen, ich sei stark und käme schon irgendwie zurecht? Wahrscheinlich hatte ich mir in der Zwischenzeit aus der Not heraus ein dickes Fell zugelegt, aber selbst ich konnte als Minderjährige nicht alles allein regeln. Keiner von ihnen hat mir jemals angeboten, mir unter die Arme zu greifen und mit meiner Mutter eine Beratungsstelle oder einen Arzt aufzusuchen. Auch mein Vater war auf dem Auge blind. Sah er das Problem nicht oder wollte er es nicht sehen? Die Frage kann nur er beantworten. 

 

Ich war in vielerlei Hinsicht auf mich allein gestellt. Einige hatten sicherlich genug mit sich selbst zu tun, denn nicht nur bei uns zuhause herrschte zu der Zeit das blanke Chaos. Manche haben sich jedoch bewusst zurückgehalten. Zu ihnen habe ich heute keinen Kontakt mehr. Wenn mir alles über den Kopf wuchs, wandte ich mich also an meine Freundinnen oder heulte in das Fell meines Hundes. Pascha war ein rothaariger Chow Chow, den wir 1984 von einer Züchterin gekauft hatten und seitdem der Mittelpunkt unserer Familie war. Er war manchmal ein wenig launisch Fremden gegenüber, aber er murrte nie, wenn ich mein Gesicht in sein Fell vergrub. Er wurde mein Therapiehund bevor dieser Begriff überhaupt existierte. Ich fragte mich, was er wohl manchmal über seine Menschen dachte. Wenigstens liebte er uns noch aufrichtig, wenn wir es nicht mehr taten. 

 

 

*

 

 

Musik bot mir Zuflucht, um das Chaos um mich herum und die Streitereien meiner Eltern zumindest für einen kurzen Moment ausblenden zu können. MTV lief Tag und Nacht auf meinem kleinen Fernseher und meine Schallplatten- und CD–Sammlung wuchs stetig. Meine Mutter war mir der liebste Mensch auf der Welt, aber ich benötigte dringend starke Frauen als Vorbilder, von denen ich lernen konnte, selbstbewusst durchs Leben zu gehen, und so ergab es sich von selbst, dass ich mir vermehrt Vorbilder aus dem Musikbereich suchte. Meine Kräfte waren aufgezehrt und ich wollte nicht unter die Räder kommen, so viel war mir in meinem jugendlichen Alter bereits klar. Ich wollte für mich und meine Mutter starkbleiben. 

 

Ich verschlang alles, was ich über meine Lieblingssängerinnen finden konnte. Sie strahlten etwas aus, das ich nicht hatte. Ich konnte zwar nicht singen wie eine Tina Turner oder Marie Fredriksson, aber das hielt mich nicht davon ab, mit einem Foto von Marie Fredriksson zu meiner Friseurin zu gehen und um diese Frisur zu bitten. Als später am Nachmittag ein Freund von mir anrief und mich sprechen wollte, musste ich notgedrungen mein Zimmer verlassen. Mein Vater fiel fast in Ohnmacht, als ich ihm meine neue weißblonde Haarpracht präsentierte. Mission accomplished.

 

 

*

 

 

Letztendlich begriff auch mein Vater, dass der Alkoholkonsum meiner Mutter zunehmend aus dem Ruder lief. Er wirkte fast überrascht, als ich ihm berichtete, wie schlimm es mitunter war, wenn er nicht zuhause war. In seiner Hilflosigkeit versuchte er, meine Mutter durch Anschreien vom Alkohol loszubekommen. Ohne Erfolg. Er wirkte hilflos und gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass ihm die Trinksucht meiner Mutter unangenehm war. Was sollte die Außenwelt von uns denken? Mir war es egal, was man über uns dachte. Von mir aus konnte jeder wissen, welchen Schaden mein Vater angerichtet hatte und warum wir jetzt in dieser beschissenen Situation waren. Immerhin gelang es ihm, seine außereheliche Beziehung wieder einmal auf Eis zu legen. Doch der Zug war bereits abgefahren. Ihre Pausen vom Alkohol wurden kürzer und kürzer. Je mehr sie trank, umso mehr zog ich mich von ihr zurück. 

 

„Manchmal möchte dir am liebsten eine kleben!“, raunzte sie mich eines Tages in der Küche wegen einer Nichtigkeit an. Ich war erschüttert über diesen Ausbruch, schaute sie mit großen Augen an und verschwand schweigend für den Rest des Tages in mein Kinderzimmer. Manchmal tun Worte mehr weh als Taten. Ich wurde als Kind nie geschlagen, aber diese Worte trafen mich zutiefst. Ich bin fest überzeugt, dass sie sie in dem Moment bereute, als sie ihr über die Lippen kamen, aber wir sprachen im Anschluss nie mehr darüber. 

 

Der obige Vorfall sollte zum Glück ein Einzelfall bleiben, aber er hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Es war nicht so, dass sie durch den Alkohol eine komplette Wesensänderung durchlebte. Ich wollte einfach die Mutter zurück, die sie früher war. Jene lebenslustige Frau mit dem großen Herzen, die mich großgezogen hatte, immer einen guten Sinn für Humor gehabt hatte und gerne lachte. Sie schien immer mehr verschütt zu gehen und ich vermisste sie jeden Tag mehr und mehr. Waren wir zu Beginn noch eine unzertrennliche Einheit gewesen, entzweiten wir uns mit jedem Glas Alkohol immer mehr.

 

 

 

 

 

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Teil II

 

 

Ein neues Jahrzehnt brach an. Während in Berlin die Mauer fiel, sollte die Mauer zwischen uns in den kommenden Jahren immer höher und unüberwindbarer werden. Ich überstand meine Pubertät mit relativ wenig Pickeln, dafür aber mit reichlich schlechter Laune. Ob es an den Hormonen lag oder ob die Ereignisse der letzten Jahre für meine Stimmungsschwankungen verantwortlich waren, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Ich maulte auf jeden Fall ganz schön herum. Meine leidtragenden Eltern nahmen es zum Anlass, mir eines Morgens mit einem leicht teuflischen Grinsen ein Geschenk zu überreichen: einen Gute-Laune-Kaffeebecher. Meine Eltern lachten sich schlapp. Ich lächelte etwas gequält, aber eigentlich war ich heilfroh, dass wieder etwas Ruhe bei uns eingekehrt war. Ich war inzwischen schon für die kleinen Verschnaufpausen dankbar.

 

Ich hätte Mama gerne mehr vertraut, aber ich wurde mein Misstrauen nicht los. Wenn wir allein zuhause waren, saß ich mit gespitzten Ohren in meinem Zimmer und wartete auf das „Klack“ aus dem Wohnzimmer, bereit in das Wohnzimmer zu stürmen, um ihr eine Predigt zu halten und ihr das Glas Weinbrand wegzureißen, welches inzwischen ihr Lieblingsgetränk geworden war. Ich beobachtete mit Adleraugen, ob ihre Augen glasig oder klar waren, und horchte auf den Klang ihrer Stimme, wenn sie sprach. Diese Kontrollmechanismen konnte ich nicht mehr ablegen. Sie waren mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. 

 

Meine Schulnoten dümpelten im unteren Mittelfeld und der Weg zum Abitur schien lang und steinig. Ich konnte mich nur schwer konzentrieren und beim Lernen streiften meine Gedanken regelmäßig ab. Im Unterricht war ich körperlich anwesend, aber geistig abwesend. Mathe wurde mein Angstfach und meine Versetzung war das ein- oder andere Mal stark gefährdet. Klebeetiketten erwiesen sich in der Oberstufe als meine Rettung. Als Beilage zur Beschriftung von Videokassetten waren sie groß genug, um als perfekte Spickzettel zu dienen, die man sich auf Arme und Beine kleben konnte. 

 

An manchen Tagen war ich von Kopf bis Fuß wie eine Litfaßsäule mit Etiketten zugeklebt. Kein Lehrer bemerkte etwas. Ein kleiner Triumph. Das Gefühl der Überlegenheit verblasste jedoch schlagartig, als ich mir zuhause die Klebestreifen entfernen wollte. Unter Quieken und Jaulen versuchte ich, die Etiketten so vorsichtig wie möglich wieder abzuziehen, ohne mir alle Haare aus der Haut zu reißen. Ein schmerzhafter Vorgeschmack auf das, was uns Frauen in den kommenden Jahren als vermeintliches Schönheitsideal noch blühen sollte.

 

 

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In den Sommerferien 1993 fuhren meine Eltern und ich für ein paar Tage in den Bayrischen Wald. Unsere Hütte lag idyllisch auf einem kleinen Berg und wir genossen bei langen Spaziergängen mit Pascha den Sonnenschein und die Natur um uns herum. Abends schlugen wir uns die Bäuche mit leckerem Essen voll und schliefen anschließend bis in die Puppen. Eigentlich waren alle Zutaten für einen – für unsere Verhältnisse – perfekten Urlaub gegeben, aber die Antennen meiner Mutter arbeiteten auch in den Bergen zuverlässig. Sobald sie mir von ihrem Verdacht erzählte, ahnte ich, dass es mit der Unbeschwertheit auf ungewisse Zeit vorbei sein sollte. 

 

Natürlich lag sie auch dieses Mal wieder richtig, denn inzwischen las sie meinen untreuen Vater wie ein offenes Buch. Leugnen war vollkommen zwecklos. Seine Beteuerungen und Entschuldigungen stießen bei uns inzwischen auf taube Ohren und Mama kehrte nach dem Urlaub ohne Umschweife zum Alkohol zurück. Alles Betteln und Flehen meinerseits half nichts. 

 

Ich versuchte, mich in dem ganzen Chaos und zwischen den einzelnen „Klacks“ der Minibar-Tür auf meine Führerschein- und Abiturprüfungen vorzubereiten. Ich wusste nicht, wie ich das unter den gegebenen Umständen unter einen Hut bekommen sollte. Zuhause brannte die Hütte und ich sollte die Weichen für meine Zukunft stellen. Man hätte genauso von mir erwarten können, dass ich ein Mittel gegen Krebs erfinde. 

 

Die Führerscheinprüfung bestand ich zu meiner Überraschung beim ersten Versuch. Mama und Papa erlaubten mir, ihr Auto zu fahren, solange ich mir keinen fahrbaren Untersatz leisten konnte. Mama sah das offenbar wortwörtlich als eine Art Freifahrtschein. Meine Patentante aus Holm-Seppensen hatte uns zu einer kleinen Grillparty zu sich nach Hause eingeladen. Mir war nicht entgangen, dass Mama an dem Tag bereits wieder einen gewissen Pegel erreicht hatte. Eigentlich war sie längst fahruntüchtig. Dessen war sie sich offenbar auch bewusst, denn sie versuchte, mich mit einer fadenscheinigen Ausrede zum Fahrdienst zu drängen. Ich stellte mich stur. Sollte sie die Suppe doch selbst auslöffeln, die sie sich eingebrockt hatte. 

 

Nach einer kurzen, hitzigen Diskussion griff sie wütend zum Autoschlüssel und wir fuhren schweigend los. Ich bereute meine Sturheit, denn wir überfuhren öfter die Fahrbahnmarkierung als mir lieb war. Leider kreuzte keine Polizeistreife an diesem Tag unseren Weg, denen ihre Schlangenlinien hätte auffallen können. Vielleicht wäre das für Mama ein dringend benötigter Warnschuss gewesen, aber meine Gebete wurde nicht erhört. Wir schafften es heil hin und zurück, aber nächstes Mal würde ich mich weigern, zu meiner betrunkenen Mutter ins Auto zu steigen. Dafür hing ich dann doch zu sehr an meinem Leben.

 

 

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Ich war unschlüssig, wohin mich die Reise beruflich führen sollte. Ich lebte notgedrungen im Hier und Jetzt. An meine Zukunft mochte ich keinen Gedanken verschwenden, solange die Gegenwart so bitter war. Meine persönlichen Aussichten empfand ich als sehr deprimierend. Das Abitur bestand ich mit Ach und Krach, aber mit den Noten konnte ich keine allzu hohe Anspruchshaltung haben. Ein Studium war wegen des Numerus Clausus auch so gut wie ausgeschlossen. Ich hatte ehrlicherweise auch keine Lust darauf, also schien eine Ausbildung der einzig sinnvolle Weg zu sein. Da mir Sprachen am ehesten lagen, suchte ich mir Stellenbeschreibungen aus, bei denen gute Sprachkenntnisse erforderlich waren. Mein Fokus lag jetzt auf Groß- und Außenhandels- bzw. Speditionskauffrau. 

 

Aufgrund meiner mittelmäßigen Noten trudelten schnell die ersten Absagen auf meine Bewerbungen ein. Für mein Selbstbewusstsein bedeutete jede Absage einen weiteren Dämpfer. Nach schätzungsweise 80 Absagen zog ich schließlich die Notbremse. Die Bewerbungsfrist für das anstehende Ausbildungsjahr war fast vorbei und ich stand noch immer mit leeren Händen da. Ich entschied mich für eine Anmeldung bei der Fremdsprachenschule Hamburg, um das kommende Jahr zu überbrücken. Ich war nach den anstrengenden Abiturprüfungen zwar nicht sehr erpicht darauf, noch mehr Zeit mit Lernen zu verbringen, aber faul in der alkoholgeschwängerten Luft zuhause herumzusitzen war auch keine Option. Zu meiner Erleichterung erhielt ich kurze Zeit später eine Anmeldebestätigung. Ich hatte mir etwas Zeit verschafft. Ich quälte mich fortan also durch Stenografie, lernte Schreibmaschine schreiben und Korrespondenz in drei Sprachen zu verfassen. Es erfüllte mich nicht wirklich. 

 

Erfüllung fand ich nur in der Musik. Sobald ich nachmittags meine Hausaufgaben erledigt hatte, hörte ich meine CD-Sammlung rauf und runter und stöberte durch diverse Musikzeitschriften auf der Suche nach Konzerten, die ich besuchen wollte. Ich liebte die Atmosphäre von Live-Konzerten, diese unbändige Energie, die von der Bühne auf das Publikum überschwappt. Ich war glücklich, wenn ich heiser und nassgeschwitzt die Konzerthalle verließ. 

 

Eines Abends war das Glück jedoch nicht auf meiner Seite. Status Quo traten an dem Abend in der Alsterdorfer Sporthalle auf und ich hatte mich für einen Stehplatz relativ weit vorne im Innenraum entschieden. Ich hatte die brachiale Lautstärke unterschätzt und hatte keinen Hörschutz dabei. Nach einigen Songs bemerkte ich ein leichtes Piepen im Ohr, welches sich im Laufe des Konzertes rasant verschlimmerte. Bald hörte ich gar nichts mehr. Der Konzertabend war für mich gelaufen. 

 

Ich fuhr heim und hoffte, dass die Taubheit am nächsten Morgen verschwunden sein würde. Beim Aufwachen musste ich jedoch feststellen, dass keine Besserung eingetreten war. Ich zog mich rasch an und fuhr zum Ohrenarzt. Nach einer gründlichen Untersuchung kritzelte er die Diagnose „Hörsturz“ auf seinen Block und verschrieb mir ein Döschen mit knallpinken Pillen. Sollte in den nächsten Tagen keine Besserung eintreten, solle ich mich nochmal bei ihm melden. Ich hatte Angst. Was, wenn ich für immer taub bliebe? 

 

Die Pillen packten meinen Kopf in Watte. Ich hielt mich streng an die Anwendungshinweise auf der Verpackung, um nicht komplett von den Wirkstoffen ausgeknockt zu werden. Nach einigen Tagen konnte ich wieder dumpf Geräusche und ein leises Piepen hören. Ich war erleichtert. Endlich ging es bergauf, wenn auch nur mit Trippelschritten. Als mein Gehör nach weiteren Tagen wieder normal zu funktionieren schien, war ich einfach nur heilfroh. Ich schwor mir, von nun an vorsichtiger zu sein und verbannte meine Kopfhörer und den Walkman in den Schrank. Die restlichen Pillen wanderten für den Notfall in unseren Medikamentenschrank.

 

Hatte ich bis dahin gedacht, es könne eigentlich nicht mehr schlimmer kommen, sollte ich wieder einmal eines Besseren belehrt werden. Die Gräben zwischen meinen Eltern wurden immer tiefer und der Umgangston rauer. Sie stritten sich heillos. Die Vorwürfe und Anschuldigungen flogen wie bei einem Tennismatch hin und her. Aus Liebe war endgültig Hassliebe geworden und Alkohol war der Brandbeschleuniger, der alles nur noch schlimmer machte. Warum trennten sie sich nicht einfach? 

 

Nach einem besonders heftigen Streit zog mein Vater es eines Abends vor, auf der Couch im Wohnzimmer zu schlafen. Ich lag zu der Zeit bereits im Bett, aber an Schlaf war natürlich überhaupt nicht zu denken. Er knallte die Tür zu und ließ Mama weinend in der Küche stehen. Ich haderte mit mir. Sollte ich aufstehen und sie trösten? Anderseits konnte ich den Frust meines Vaters nur allzu gut verstehen. Der Alkohol war ein zu mächtiger Gegner geworden und wir hatten bis zu einem gewissen Grad resigniert. Mama nahm mir just in dem Moment die Entscheidung ab. 

 

Ich hörte wie eine Schranktür geöffnet wurde und etwas mit einem leisen „Pling, pling“ in ein Glas geschüttet wurde. Die Tabletten! Ich fuhr hoch und stürzte in die Küche. Mama hatte sich die restlichen Pillen, die ich einst gegen meinen Hörsturz verschrieben bekommen hatte, in ein Glas geschüttet und war im Begriff, sie zu schlucken. Ich riss ihr das Glas aus der Hand. „WAS TUST DU DA?! BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?!!!“, brüllte ich sie an. Ich rannte mit dem Glas ins Badezimmer und spülte die Pillen die Toiletten hinunter. Mir war schlecht vor Schock und Wut. 

 

Papa kam aus dem Wohnzimmer. Als er erkannte, was passiert war, schrie er Mama an. In diesem Moment zerriss etwas in mir. All der über die Jahre angestaute Frust über die Lage, in die meine Eltern uns gebracht hatten, bahnte sich seinen Weg nach draußen und ich schrie beide wie von Sinnen an. Ich war es leid, wie tief wir inzwischen gesunken und was für Menschen wir geworden waren. Ich wollte das alles nicht mehr. Wenn die eigene Mutter beschließt, ihrem Leben ein Ende setzen zu wollen, sollte uns das verdammt nochmal eine Lehre sein. Dachte ich. Ich hatte von allem die Schnauze gestrichen voll.

 

Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich in dieser Nacht kein Auge mehr zubekam. Mama und Papa saßen am nächsten Morgen mit verquollenen Augen in der Küche. Ihnen schien es nicht anders ergangen zu sein. Ich musste bald in die Schule, auch wenn ich geistig überhaupt nicht aufnahmefähig war, aber zuhause in dieser vergifteten Atmosphäre zu bleiben, war undenkbar. Ich blickte beide an. Von meiner Wut war nach wie vor nichts verflogen und mir war schlecht. Die Ereignisse der letzten Nacht wogen schwer.

 

„Seid Ihr noch zu retten?!! Warum ziehst Du nicht endlich aus und lässt uns in Ruhe??? Hör‘ doch endlich mit der verdammten Sauferei auf!“, bombardierte ich sie abwechselnd mit Vorwürfen, ohne ihre kleinlauten Antworten abzuwarten. Ich musste dringend hier raus. Ich knallte die Haustür hinter mir zu, ohne einen Gedanken an unsere armen Nachbarn zu verschwenden, und machte mich auf den Weg zur Schule. 

 

Ich kann mich an die Zeit unmittelbar nach dem versuchten Suizid meiner Mutter heute nicht mehr erinnern. Wie bei vielen Dingen zuvor und danach scheint sich ein Nebel um gewisse Ereignisse gelegt zu haben. Ob sie aus dem damaligen Schockzustand oder aus reinem Selbstschutz heraus in Vergessenheit geraten sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Aus der Erfahrung der vorangegangenen Jahre würde ich jedoch vermuten, dass wir schnell wieder in alte Muster verfielen: man redet nicht weiter darüber und versucht, es bestmöglich zu verdrängen, um nicht von der emotionalen Last erdrückt zu werden. Darin waren wir nach all den Jahren inzwischen Weltmeister. Es war gewiss eines unserer dunkelsten Kapitel.

 

Ich schaffte einen mittelmäßigen Abschluss an der Fremdsprachenschule und nach unzähligen weiteren Bewerbungen hatte ich auch endlich eine Zusage für einen Ausbildungsplatz als Groß- und Außenhandelskauffrau. Ein kleiner, erster Schritt in Richtung Unabhängigkeit von meinen Eltern. Die Ausbildung entpuppte sich schnell als Reinfall, aber ich wollte durchhalten, denn es gefiel mir, endlich mein eigenes Geld zu verdienen. Mein Vater war der Überzeugung, dass ich mir von dem Geld ein Auto anschaffen solle. In der Vergangenheit durfte ich immer das Auto meiner Eltern fahren, aber ein eigenes Auto würde noch mehr Unabhängigkeit bedeuten. Bei einem kleinen Renault-Händler in unserer Nähe fiel meine Wahl auf einen türkis-blauen Twingo. Ich war sehr stolz. Ich bekam zwar gefühlt jedes Mal einen elektrischen Schlag und mir standen die Haare zu Berge, wenn ich in das Auto stieg, aber er gehörte mir.

 

 

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Im Jahr 1995 blätterte ich in einer Musikzeitschrift und las die Nachricht, auf die ich schon seit Ewigkeiten gewartet hatte: Alannah Myles – neues Album und Tour! Ich klatschte in die Hände vor Freude. Alannah Myles gehörte seit Beginn der Neunzigerjahre neben Marie Fredriksson zu meinen absoluten Lieblingssängerinnen und Vorbildern. Sie verkörperte alle Charaktereigenschaften, die ich mir so sehr für mich selbst wünschte. Ich liebte ihre Musik und nach ihrem Konzert 1993 in Hamburg war mir klar, dass ich bei der nächsten Tour unbedingt wieder mit am Start sein wollte. 

 

Meine Probezeit im Unternehmen hatte ich überstanden und ich hatte jetzt anteilig Anspruch auf Urlaub. In meinem Kopf formte sich eine Idee: Könnte ich nicht mit meinem Twingo von Stadt zu Stadt reisen, wo die jeweiligen Konzerte stattfanden? Tagsüber würde ich die Städte erkunden und abends die Konzerte besuchen. Es würde finanziell etwas eng werden, aber ich benötigte dringend etwas Abstand von zuhause und ein Teil von mir suchte das Abenteuer. Meine Eltern waren von der Idee nicht ganz so begeistert. Der Gedanke, dass ihre Tochter allein mit dem Auto durch Deutschland fuhr, war ihnen nicht geheuer. Dank meiner Volljährigkeit war ich jedoch nicht auf ihre Zustimmung angewiesen und so fuhr ich im winterlichen November mit einem Stapel Stadtpläne bewaffnet los. Ich hatte mich aus Kostengründen in günstige Hotels einquartiert, deren Komfort manchmal zu wünschen übrigließ, aber die Vorfreude auf die abendlichen Konzerte machte alles wett. 

 

Als am ersten Abend um 21 Uhr endlich die Lichter im Club ausgingen und die ersten Takte erklangen, wurde ich in eine andere Welt katapultiert. Unter lautem Jubel kam Alannah auf die Bühne. Ihr selbstbewusstes, energiegeladenes Auftreten gepaart mit ihrer unverkennbaren Stimme riss alle im Saal mit. Hätte ich doch nur halb so viel Selbstbewusstsein und Ausstrahlung, dachte ich, während mir der Schweiß aus allen Poren lief. Es war grandios. Nach dem Konzert verließ ich beseelt den Saal und konnte kaum die nächsten Konzerte abwarten. 

 

Nach dem vierten Konzert fasste ich all meinen Mut zusammen und ging in der Hoffnung auf ein Autogramm zur Rückseite des Clubs. Ich erwartete nicht allzu viel. Vermutlich ist sie bereits auf dem Weg in ihr Hotel, redete ich mir ein. Mit mir warteten noch ein paar andere Fans darauf, dass sich die Tür öffnete und sie herauskam. Es war bitterkalt und immer mehr Zeit ging ins Land. „Meinst Du, sie kommt noch?“, fragte ich einen wartenden Fan. „Bestimmt“, antwortete er. Wir hatten von einem Bauzaun die Tourplakate für das heutige Konzert stibitzt, die sie uns signieren sollte. So langsam verließ mich jedoch die Hoffnung. Es war immerhin schon eine Stunde seit Ende des Konzerts vergangen und ich schlotterte vor Kälte. Ich wollte mich gerade zum Gehen wenden, als ich aus dem Augenwinkel eine Person im Dunkeln wahrnahm. „Ist sie das?“, fragte ich, so als traute ich meinen Augen nicht. Sie war es und sie kam schnurstracks auf uns zu. Ich erstarrte. 

 

Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man von einem Treffen mit seinem Idol träumt oder die Person plötzlich leibhaftig vor einem steht. Es dauerte einen Moment, bis ich aus meiner Schockstarre erwachte. Sie schrieb bereits fleißig Autogramme und posierte für Fotos. In meinem jugendlichen Eifer hatte ich leider nicht daran gedacht, noch Platz für ein gemeinsames Foto auf dem Film in meiner Kamera freizulassen. Sie war mit dem Autogramme schreiben fast fertig, nur eine Person fehlte noch bevor sie in ihren Tourbus entschwinden konnte. Jetzt oder nie, schalt ich mich, gab mir einen Ruck und hielt ihr das geklaute Poster zur Unterschrift hin. Ich presste ein schüchternes „Thanks“ raus, während sie es unterschrieb und verfluchte mich innerlich für meine Schüchternheit. Sie wandte sich bereits zum Gehen, als mir unter größter Anstrengung noch ein „You’re the best“ und „See you tomorrow“ über die Lippen kam. Beim kleinen Einmaleins des Small Talks hatte ich offenbar noch großen Nachholbedarf. 

 

Sie sah mich lächelnd an, bedankte sich und erwähnte beiläufig, dass sie mich wiedererkannt hätte. Ich sah sie ungläubig an, als hätte ich mich verhört. Hatte sie das wirklich gerade gesagt? Ich war baff, denn ich hatte mich immer für unscheinbar gehalten, selbst wenn ich in der ersten Reihe vor einer Bühne stand. Zum Abschied schüttelte sie meine Hand, stieg in ihren Tourbus und ich schwebte zurück in meine Unterkunft. An Schlaf war die ganze Nacht nicht zu denken. Manchmal werden Träume doch wahr, dachte ich glücklich, während ich den Abend in Dauerschleife Revue passieren ließ.

 

Eigentlich wäre dieses Treffen mit ihr durch nichts mehr zu toppen gewesen, aber schon am nächsten Abend gab es eine Steigerung. Nach dem Konzert mischte ich mich wie bereits am Vorabend unter die wartenden Fans. War ich beim ersten Treffen noch unvorbereitet gewesen, war ich heute bereits größenwahnsinnig und träumte von einem Autogramm mit persönlicher Widmung. Diesen Wunsch teilte ich jedoch scheinbar mit vielen Fans. Vor dem Hinterausgang hatte sich eine große Traube von Menschen versammelt. Meine Hoffnung auf ein weiteres Autogramm schrumpfte merklich. Es stellte sich zudem heraus, dass Alannah nach den letzten Takten ohne Umschweife in den Tourbus verschwunden war.

 

Nach und nach kamen jedoch die Musiker ihrer Band aus dem Club und gingen in Richtung Bus. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte einen von ihnen, ob er mir etwas signieren lassen könnte. Während er mit meinem kleinen Büchlein in den Bus verschwand, sprach mich ein weiterer Musiker an. Er hatte gehört, dass ich mehrere Konzerte sehen wollte. Mir brach vor Aufregung der Schweiß aus. Hatten sie etwa über mich geredet? 

 

Ich bekam mein Büchlein zurück und schlug es auf. „Daniela, alles Gute, to the best fan in all of Germany! Alannah Myles”, stand dort. Ich merkte, wie mir Tränen der Rührung in die Augen schossen. Jetzt bloß nicht heulen! Der Bus fuhr an und ich wollte gerade meinen Arm zum Winken heben, da hielt er bereits wieder an und die Türen öffneten sich. Der Tourmanager kam heraus und drückte mir etwas in die Hand. Ich starrte es ungläubig an. Es war ein Backstage-Ausweis. Ich war wie vom Donner gerührt und sprachlos. Passierte das hier alles wirklich oder träumte ich?

 

Ich zwang mich ruhig zu bleiben und nicht vor Freude auszuflippen. Ich wusste, dies hier war ein Ritterschlag für jeden Fan und ich wollte verantwortungsvoll damit umgehen. So verführerisch es auch gewesen wäre, von nun an nach Lust und Laune im Backstagebereich herumlungern zu können, wollte ich respektvoll bleiben, was die Privatsphäre aller Beteiligten anging und nicht übergriffig wirken. Ich nutzte den Pass nur nach vorheriger Rücksprache und reihte mich meistens in die Schlange der draußen wartenden Fans ein. Zu jener Zeit verspürte ich ein lang verschollenes Gefühl: pures Glück.

 

Ich verspürte einen Stich im Herzen, als die Tour sich unweigerlich dem Ende näherte. Dies hier war ein Traum und nun hieß es Abschied nehmen und in die Realität zurückzukehren. Ich hätte die Glücksgefühle gerne für immer konserviert. Diese zwei Wochen hatten meine Reservetanks aufgefüllt und ich merkte, dass mein Selbstbewusstsein merklich gewachsen war. Das wollte ich mir nicht mehr nehmen lassen. Zu meinem großen Glück kehrte Alannah in den folgenden vier Jahren wiederholt nach Deutschland zurück und ich gehörte bald fast schon zum Inventar im Zuschauerraum. Auch wenn sie heute keine Musik mehr macht und nicht mehr auf Tour geht, werde ich ihr immer dankbar sein, was sie für mich getan hat. Ohne sie hätte damals manches deutlich trostloser ausgesehen.

 

 

*

 

 

Seit nunmehr 10 Jahren befanden wir uns als Familie in diesem stetigen Auf und Ab. Wenn wir uns nicht selbst das Leben schwer machten, tat es das Schicksal für uns. Wir mussten Abschied von Pascha nehmen. Seit 12 Jahren war er unser treuer Begleiter und inzwischen waren seine Augen trüb, die Ohren taub und er war gemächlicher geworden. Irgendwann bemerkten wir wiederkehrende Schluckbeschwerden bei ihm, die wir uns nicht erklären konnten, also fuhren meine Mutter und ich mit einer dunklen Vorahnung zum Tierarzt. 

 

„Hier, hier und hier, Krebs!“, schleuderte uns der Arzt empathielos entgegen, als er uns das Röntgenbild zeigte. Wir sahen ihn erschüttert an und brachen in Tränen aus. Ich konnte mir ein Leben ohne Pascha nicht vorstellen, auch wenn ich wusste, dass die Lebenserwartung bei Chow Chows durchschnittlich 12 Jahre betrug und unser gemeinsamer Weg früher oder später hätte enden müssen. Mama fragte den Arzt, was wir jetzt tun sollten. Mussten wir ihn sofort an Ort und Stelle einschläfern lassen, ohne dass Papa hätte Abschied nehmen können? 

 

Der Arzt sah uns an. „Nein, sie nehmen ihn jetzt mit nach Hause und machen ihm noch ein paar schöne Tage. Wenn Sie merken, es geht nicht mehr, kommen Sie bitte wieder“. „Das machen wir“, erwiderte Mama weinend. Mit hängenden Köpfen schlichen wir zum Auto zurück. Wieviel Zeit blieb uns noch? Ein paar Tage? Eine Woche? Ein Monat? Sich dieser Endlichkeit bewusst zu werden, war sehr schmerzhaft. Papa war am Boden zerstört, als er von der Diagnose erfuhr. Für uns alle war Pascha in den letzten Jahren mehr als nur ein Hund gewesen. Er war Tröster, Vertrauter und bester Freund für jeden von uns. Ihn gehen lassen zu müssen, fiel uns unendlich schwer.

 

Bereits eine Woche später war der Moment gekommen, vor dem wir uns so gefürchtet hatten. Pascha war nie ein Freund von langen Spaziergängen gewesen, so waren wir nicht allzu überrascht, als mein Vater bereits nach kurzer Zeit wieder vor der Haustür stand. Diesmal war es jedoch anders. Pascha schluckte stark. Hatte es sich in den Tagen zuvor nach kurzer Zeit wieder normalisiert, war es dieses Mal leider nicht der Fall. Wir sahen uns an. „Ich glaube, wir müssen ihn erlösen.“, sagte ich laut, weil es sonst keiner aussprach. Mama und Papa nickten stumm, während wir mit den Tränen kämpften und uns ein letztes Mal von Pascha verabschiedeten. 

 

Papa fuhr allein zum Tierarzt (etwas, was ich heute ebenfalls sehr bereue) und Mama und ich blieben in der Wohnung zurück, die sich plötzlich sehr leer anfühlte. Als mein Vater nach geraumer Zeit wieder nach Hause kam, konnte man ihm die Erlebnisse der letzten Stunden ansehen. Der schwerste Teil stand ihm jedoch noch bevor. Wir waren uns einig, dass wir Pascha in unserer Nähe haben wollten. Er sollte nicht in der Tierverwertung enden. Da wir eine Gartenparzelle hinter unserem Mietshaus hatten, war die Entscheidung schnell getroffen. Er sollte dort seine letzte Ruhestätte finden. Es war zwar nicht legal, aber die Nachbarn versprachen Stillschweigen zu bewahren, da sie wussten, wie sehr wir an unserem Hund hingen. Den Anblick meines Vaters, wie er Pascha in einer großen braunen Tüte in den Garten trägt, um ihn dort zu begraben, während Mama in der Küche herzzerreißend weint, habe ich bis heute nicht vergessen. Ich machte mir keine Illusionen darüber, wie Mama ihren Schmerz betäuben würde.

 

 

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Ein weiterer Abschied stand ein paar Monate später an, diesmal jedoch nur räumlicher Natur. Meine Mutter hatte von einem Nachbarn erfahren, dass im Nachbarhaus eine kleine Dachgeschosswohnung frei werden sollte. Ich hatte vor kurzem meine Ausbildung beendet und hatte eine Festanstellung in dem Unternehmen begonnen. Glücklich war ich dort nicht, aber ich hatte zumindest ein geregeltes Einkommen und konnte mich ohne Zeitdruck auf andere Jobangebote bewerben. Eine eigene Wohnung fehlte mir noch auf meiner Liste. 

 

Meine Eltern versprachen, mir finanziell unter die Arme zu greifen. Sie hatten schon sehr früh für mich ein Sparbuch angelegt, auf dem sie mir monatlich einen festen Betrag überwiesen. Darüber hinaus versprachen sie mir weitere finanzielle Unterstützung, falls mein Erspartes nicht reichen sollte. Ich war sehr dankbar für ihr Angebot und weiß auch heute noch sehr zu schätzen, was sie für mich getan haben. Es war immer eine große Erleichterung zu wissen, dass ich mich auf meine Eltern im Notfall verlassen konnte und sie mich nicht hängen lassen würden, wenn es bei mir finanziell eng werden sollte. Ich war zwar sehr sparsam mit meinem Geld, aber ich konnte nicht einschätzen, welche Kosten mich bei meiner ersten Wohnung erwarten würden. Wir beschlossen, uns auf die Wohnung zu bewerben und kurze Zeit später hielt ich einen unterschriebenen Mietvertrag und die Schlüssel in der Hand. 

 

Ich freute mich sehr auf ein Stück mehr Unabhängigkeit, gleichzeitig machte ich mir aber Sorgen, was nach meinem Auszug passieren könnte. Bis dato hatte ich mehr oder weniger unfreiwillig mitbekommen, wenn meine Eltern sich stritten oder wenn Mama vermeintlich heimlich trank. Nun hatte ich keine Kontrolle mehr. Der Gedanke beunruhigte mich. Ich wusste, dass der räumliche Abstand für meine mentale Gesundheit immens wichtig war, aber mir war auch bewusst, dass der Alkoholkonsum meiner Mutter noch mehr ausufern würde, wenn sie allein zuhause war. 

 

Es war offensichtlich, dass Mama die räumliche Trennung ebenfalls schwerfiel. Am Tag meines Auszugs starrte sie ein wenig zu angestrengt in das Spülwasser vor sich, als ich mich verabschiedete, um in meine Wohnung zu gehen. Vielleicht ahnten wir beide in dem Moment bereits, dass die Einsamkeit fortan einer ihrer größten Feinde sein würde, aber auch ich musste irgendwann mein eigenes Leben leben. Ich schwor, so gut es ging, weiterhin ein Auge auf sie zu haben. Ich richtete mich in meiner kleinen Wohnung ein und besuchte meine Eltern täglich. Es erwies sich als sehr praktisch, dass wir nebeneinander wohnten. 

 

Meine Eltern erwogen kurze Zeit später ebenfalls einen Tapetenwechsel. Ein Arbeitskollege meines Vaters hatte ihnen von einer leerstehenden Wohnung in einem Neubaugebiet in Winsen erzählt. Ich war überrascht, aber vielleicht bedeutete es für sie auch einen überfälligen Neuanfang. Raus aus der gewohnten Umgebung, in der wir im letzten Jahrzehnt so viel erlebt und durchlitten hatten. Naiverweise nahm ich an, dass ein Umzug in ein neues Zuhause meine Mutter vom Alkohol abbringen könnte. Damals ahnte ich nicht, dass alles noch viel schlimmer kommen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Teil III

 

 

Das alte Jahrtausend endete mit einem Knall, aber leider nicht im positiven Sinne. Mein Opa hatte sich nach dem Tod meiner Oma ein neues Leben mit seiner Nachbarin aufgebaut und verbrachte viel Zeit auf seinem Campingplatz in der Nähe von Cuxhaven. Wir waren froh, dass er sich so gut gefangen hatte und seine Rente genoss. Er hatte viel erlebt in seinem Leben und wir gönnten ihm sein neues Glück. Er wirkte kerngesund und fit, so dass wir zuversichtlich waren, dass er die kurz zuvor erhaltene Diagnose Prostatakrebs bravourös meistern würde. 

 

Die Ärzte waren ebenfalls optimistisch und nach kurzer Behandlungsdauer war Opa wieder hergestellt und der Krebs besiegt. Jedoch hatten wir uns zu früh gefreut: kurze Zeit später musste Opa wegen eines Leistenbruchs wieder ins Krankenhaus. Die erneute Aufregung und der Krankenhausaufenthalt waren zu viel für sein Herz. Er starb im Alter von 72 Jahren an Herzversagen. Ich ahnte nichts Böses, als es nachmittags an meiner Tür klingelte. Mama und Papa kamen aufgelöst die Treppe zu meiner Wohnung hoch. Ich wollte nicht glauben, was sie mir erzählten. Was hatten wir verbrochen, dass man uns Jahr für Jahr so bestrafte? Aber in allererster Linie vermisste ich meinen Opa. Jetzt, wo auch er tot war, spürte ich mit voller Wucht die Lücke, die meine Großeltern in meinem Leben hinterlassen hatten.

 

 

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Seit Beginn meiner Ausbildung hangelte ich mich von einem Job zum nächsten, aber richtig glücklich war ich in keiner der Firmen. Eines Tages berichtete mir meine Mutter, dass es in ihrer Firma eine Stellenausschreibung für die Buchhaltung gäbe. Ich hätte am liebsten laut losgelacht: Buchhaltung! Mit meinen Mathekenntnissen! Jeder Personalchef würde sich totlachen und meine Bewerbung in der Mitte durchreißen, wenn er meine Noten sah, aber ich hatte nichts zu verlieren, also drückte ich meiner Mutter eine Bewerbungsmappe in die Hand. Zu meinem Erstaunen bekam ich eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch und kurze Zeit später sogar eine Zusage. Fortan arbeitete ich also in der Buchhaltung, während meine Mutter sich in der Lohnbuchhaltung der Firma ihre Brötchen verdiente. 

 

Ich freundete mich schnell mit meinen Kolleginnen an und wider Erwarten machte mir der Job sogar Spaß. Mama arbeitete bereits seit Anfang der 80er Jahre in der Firma und fühlte sich dort sehr wohl. Sie hatte ein freundschaftliches Verhältnis zu einigen alteingesessenen Kolleginnen und so traf man sich regelmäßig auch privat. Sie waren bestens informiert darüber, welche Dramen sich bei uns zuhause abspielten, aber inwieweit sie im Bilde waren, dass Mama inzwischen ein weit größeres Problem als Papas Untreue hatte, war mir zu Beginn unklar. Bei gegenseitigen Besuchen floss der Alkohol nämlich in Strömen und irgendwann hatten die Kolleginnen nebst ihrer Ehegatten meist mehr Alkohol als meine Mutter intus. 

 

Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Am liebsten hätte ich meiner Mutter jeglichen Alkoholkonsum verboten, wenn ich gekonnt hätte, aber inzwischen war ich so zermürbt von der Gesamtsituation, dass ich froh war, wenn sie nicht heimlich, sondern nur im geselligen Beisammensein trank. Im Rückblick war das eine absolute Schönfärberei meinerseits, denn ihr Körper und Hirn nahmen mit jedem Schluck Alkohol weiter Schaden. 

 

Ich bemerkte immer öfter, dass sie Dinge zwei- oder dreimal erzählte, und es blieb mir auch nicht verborgen, dass sie im Büro manchmal einen glasigen Blick hatte und stark nach China Oel roch. Offenbar wollte sie damit ihre Alkoholfahne kaschieren, da Mentos – Kaubonbons ihr inzwischen nicht mehr beim Vertuschen halfen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ihre Tarnung aufflog. Da sie neben der Lohnbuchhaltung auch den wöchentlichen Werksverkauf leitete, hatte sie zu vielen Kollegen persönlichen Kontakt und so blieb nicht lange verborgen, dass sie ein Problem zu haben schien. Der Personalchef sah sich genötigt zu reagieren. 

 

Die Lawine kam nach einem Arbeitsunfall mit einem Hubwagen ins Rollen. Da sie offensichtlich getrunken hatte, kam der Personalchef nicht umhin, ihr eine Abmahnung auszusprechen. Sie war zwar erschüttert, aber es war leider nicht der gewünschte Weckruf, im Gegenteil: der erhöhte Druck ließ sie noch mehr zur Flasche greifen. Eines Morgens eröffnete Mama mir am Telefon, dass sie mit einem Taxi nach Hause geschickt worden sei, weil ihr im Büro schwindelig geworden war. 

 

Ich war misstrauisch und mein Verdacht sollte sich bestätigen als Mamas Kollegin mich kurze Zeit später anrief und fragte, ob ich Zeit für ein Gespräch unter vier Augen hätte. Mein Magen verkrampfte sich, denn ich ahnte, mir würde nicht gefallen, was sie mir zu erzählen hatte. Und so bestätigte sie, was ich bereits befürchtet hatte: Mama war vom Personalchef mit einer weiteren Abmahnung nach Hause geschickt worden, weil sie betrunken zur Arbeit erschienen war. Die Luft um sie herum wurde immer dünner. 

 

Allerdings spürte ich langsam auch wie meine Kehle mit jeder Hiobsbotschaft immer enger wurde. Ich war zwar dankbar für jeden Hinweis, fühlte mich jedoch alleingelassen im Kampf gegen den mächtigen Gegner Alkohol. Jeder, der etwas über meine Mutter zu berichten wusste, lud es bei mir ab, aber niemand bot mir im Gegenzug seine Hilfe an. Auch mein Vater nicht. 

 

Wenn er gefrustet war, weil Mama getrunken hatte, griff er zum Telefon und lud seinen Frust bei mir ab. Ich fühlte mich wie ein Sammelbecken für Jedermann, aber meine Kapazitäten waren erschöpft. Ich merkte, wie sich der Stress zunehmend auf meinen Körper niederschlug. Ich verlor an Gewicht und bekam zu allem Übel einen Ausschlag im Gesicht. Ich merkte, wie ich immer mehr an meine Grenzen kam und mir alles zu entgleiten drohte. Ich benötigte dringend Hilfe. 

 

Ich besorgte mir einen Termin beim Hautarzt, um den Hautausschlag in den Griff zu bekommen. Weitaus drängender erschien mir jedoch, mich um psychologische Hilfe zu bemühen, da ich mich in der letzten Zeit immer öfter bei dem Gedanken ertappt hatte, mit meinem Auto gegen einen Brückenpfeiler zu rasen, um dem ganzen Elend ein Ende zu setzen. Das Einzige, was mich davon abhielt, war die Angst vor einem missglückten Selbstmordversuch, der mich an den Rollstuhl fesseln würde. 

 

Ich vertraute mich meinem Hausarzt an, der mir nach einem intensiven Beratungsgespräch ein paar Adressen von Psychiatern in der Umgebung mitgab. Die Telefonate mit den jeweiligen Praxen waren jedoch niederschmetternd. Freie Termine gab es erst in einigen Monaten, wenn überhaupt. Es war frustrierend. So viel Zeit hatte ich nicht. Was tun? 

 

Ich suchte im Internet nach Selbsthilfegruppen und wurde fündig. In Harburg fanden wöchentliche Treffen der Anonymen Alkoholiker und Al-Anon statt. Eine Schulfreundin begleitete mich, da ihr der Alkoholkonsum ihres Mannes ebenfalls schlaflose Nächte bereitete. Wir saßen inmitten dieser kleinen Runde Angehöriger, die genau wie wir den Kampf gegen den Alkohol seit vielen Jahren führten. Während ich von meinen Erlebnissen berichtete, beschlich mich das Gefühl, dass sich hier etwas komplett falsch anfühlte. Warum saß ICH hier? Warum strampelte ich mich ab, während meine Mutter so gar kein Interesse daran zeigte, ihre Situation zu verbessern? Sollte sie nicht eine Selbsthilfegruppe oder eine Klinik aufsuchen? Es konnte mir nur besser gehen, wenn es ihr besser ging. 

 

Ich merkte Wut in mir aufsteigen. Ich wollte kein Opfer ihrer Sucht sein. So dankbar ich für das Al-Anon Programm auch war, wurde mir nach diesem Besuch klar, dass es nur ein einmaliger Besuch bleiben würde. Die Wurzel allen Übels saß woanders und das musste dringend angegangen werden. Ich wusste, dass es ein Kampf gegen Windmühlen werden würde und ich konnte nur hoffen, dass mir nicht die Puste ausging.

 

 

*

 

 

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Mama ihren Job verlieren würde und so kam, was kommen musste: eines Tages informierte uns unser Chef, dass die Jobs der Finanz- und Lohnbuchhaltung ausgelagert werden würden. Mama und ich verloren also beide unsere Jobs. Ich war traurig, denn ich hatte mich in der Firma wohlgefühlt und war inzwischen eng mit meinen beiden Kolleginnen befreundet, die mir zur Seite standen, wenn mir mit meiner Mutter alles über den Kopf wuchs. 

 

Mama war allerdings am Boden zerstört. Sie hatte viele Jahre für die Firma gearbeitet und ihren Job geliebt. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, was der Verlust ihres Jobs für uns bedeuten würde. Dank Papas Einkommen liefen meine Eltern nicht Gefahr in eine finanzielle Schieflage zu geraten, allerdings hatte man ihr das letzte bisschen Struktur genommen, was es in ihrem Leben noch gab. Ich sah schwarz. Sie war inzwischen 50 Jahre alt und in ihrem derzeitigen Zustand würde es unmöglich für sie werden, einen neuen Job zu finden. Sie würde dem Druck, in einer neuen Firma Fuß zu fassen und neue Dinge zu lernen, niemals Stand halten können. Zu meinem Glück fand ich schnell eine neue Anstellung, so dass ich mir um meine berufliche Zukunft erst einmal keine Sorgen machen musste. Wir sollten jedoch bald lernen, dass Geld nicht alles ist im Leben.

 

 

*

 

 

Der Jobverlust setzte Mama wie erwartet schwer zu und sie kompensierte die Lücke mit immer mehr Alkohol. Wenn Papa arbeiten war, hatte sie tagsüber freie Bahn. Wir hatten keinerlei Kontrolle über sie. Die Stimmung zwischen meinen Eltern wurde immer angespannter. Mein Vater war erwartungsgemäß nicht sehr erbaut darüber, wenn er nachmittags zu meiner betrunkenen Mutter nach Hause kam. Ich hatte keine Antworten mehr. 

 

In meiner Verzweiflung durchforstete ich das Internet nach Chow Chow-Welpen. Ich war mir nicht sicher, ob ich für mich oder für meine Mutter suchte, aber in mir wuchs die Idee, ob nicht ein Hund wieder mehr Struktur in ihren Alltag bringen würde. Ich wurde in einem Tierheim in Bad Kreuznach fündig. Ein ca. 3 Jahre alter, rothaariger Chow Chow namens Kane blickte mich von einem Foto an. Ich verliebte mich sofort, allerdings war ich hin- und hergerissen. War das eine gute Idee?

 

Nach einer schlaflosen Nacht zeigte ich meiner Mutter das Bild. Sie war sofort Feuer und Flamme und somit war die Entscheidung gefallen. Papa hingegen war nicht sehr begeistert. Er wollte in der derzeitigen Situation keinen Hund. Er war zudem skeptisch, was uns bei einem Chow Chow aus dem Tierheim erwarten würde. Chow Chows waren von Natur aus keine einfachen Hunde. Was würden wir uns da ins Haus holen? 

 

Mama und ich wollten es herausfinden und fuhren in Eigenregie nach Bad Kreuznach. Nach einer sechsstündigen Fahrt kamen wir endlich an. Ich wünschte so sehr, dass alles gut gehen würde und wir nicht allein nach Hause fahren müssten. Das Tor des Tierheims öffnete sich und ein Mitarbeiter kam mit Kane an der Leine heraus. Ich beugte mich zu ihm hinunter und hielt ihm meine Hand zum Beschnuppern hin, aber er schnüffelte nur desinteressiert daran. Der Mitarbeiter hielt uns die Leine hin und wir durften eine Runde mit ihm spazieren gehen. Uns war schnell klar, dass wir den Heimweg zu Dritt antreten würden. Nach Erledigung aller Formalitäten stiegen wir ins Auto und traten die Heimreise an. 

 

Je näher wir Winsen kamen, umso flauer wurde das Gefühl in meinem Magen. Ich wusste, dass Papa zuhause auf uns wartete und vor Wut kochte, weil wir ihn übergangen hatten. Ich hatte Angst, dass er uns zwingen würde, Kane wieder abzugeben. Angespannt betraten wir die Wohnung. Papa saß mit verschränkten Armen auf der Couch und es war offensichtlich, dass er vor sich hinbrütete. Wir ließen Kane von der Leine, damit er sein neues Heim beschnuppern konnte. Ich betete, dass er nirgendwo sein Bein hob. Mama und ich setzten uns in die Küche und warteten. Bald gesellte sich Kane zu uns und legte sich auf den Küchenboden. 

 

Irgendwann überwog Papas Neugier auf unseren neuen Bewohner und er kam zu uns in die Küche. Ich erstarrte innerlich vor Anspannung. Kane knurrte leise, als Papa ihm seine Hand zum Beschnuppern hinhielt. Er war offenbar nicht sehr angetan davon, dass sich ein fremder Mann über ihn beugte. Ich merkte, wie mein Kreislauf aufgrund der Anspannung schlapp zu machen drohte und verschwand schnell ins Badezimmer. Als ich wieder in die Küche kam, verschwand gerade ein großes Stück Fleischwurst in Kanes Rachen. Papa war also schwach geworden und hatte sich augenscheinlich dazu entschlossen, mit Bestechung Fakten schaffen zu wollen. Eine Welle der Erleichterung durchflutete mich. 

 

Nachdem das Eis geschmolzen war, wurde Kane schnell der Mittelpunkt unserer Familie. Es war unmöglich, sich nicht Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Auch auf Mama hatte er einen positiven Effekt. Sie hatte einen neuen Lebensinhalt und entschloss sich, eine weitere Therapie zu machen. Ich mochte mir nach dem Misserfolg der ersten Therapie keine allzu großen Hoffnungen machen, war aber erleichtert, dass sie zumindest für die Dauer ihres Aufenthaltes in der Klinik keinen Alkohol trinken und ihrem Körper eine Pause gönnen würde. Papa und ich konnten für eine Weile durchatmen. Es wurde unsere letzte Verschnaufpause.

 

Zwei Wochen später holten wir Mama von der Klinik ab. Ich hatte Angst vor einem erneuten Rückschlag, aber als sich die Tür der Klinik öffnete, blieb für einen Moment die Zeit stehen: Mama stand vor mir. Nicht die betrunkene, verquollene und nuschelnde Version meiner Mutter, sondern die Mama, die sie war, bevor der Alkohol sie in ihre Fänge bekam. Sie hatte eine gesunde Gesichtsfarbe, einen klaren Blick und eine klare Aussprache. Wie lange hatte ich sie so nicht mehr gesehen? 

 

Ich konnte die Frage nicht beantworten, aber mir wurde schmerzlich bewusst, wie sehr ich sie all die Jahre vermisst hatte. Ich verkniff mir mühsam meine Tränen. Ein Teil von mir war überglücklich, sie so zu sehen, ein anderer Teil wollte hemmungslos weinen, weil ich so lange auf sie verzichten musste. Ihre Abwesenheit hatte ein großes Loch in meinem Herzen hinterlassen. Ich konnte meine betrunkene Mutter nicht so lieben wie meine nüchterne Mutter und war dankbar für jeden Moment, in dem ich einen winzigen Blick auf meine gesunde Mutter erhaschen konnte. Ich hätte alles für sie gegeben und sie am liebsten nie mehr gehen gelassen. Wie gerne hätte ich diesen Moment für immer eingefroren.

 

 

*

 

 

Was soll ich sagen? Wir haben es verkackt. Als Familie haben wir es grandios verkackt. Ich weiß nicht, wie viele Ausfahrten wir in den letzten Jahren hätten nehmen können, um Mama vom Alkohol abzubringen, aber auch an dieser letzten Ausfahrt rauschten wir im Blindflug vorbei. Wir verpassten nicht nur die Ausfahrt, wir traten auch das Gaspedal durch, während wir auf die Mauer am Ende der Straße zurasten. Hatte es zu Beginn vielleicht noch eine reelle Chance gegeben, ihre Sucht zu bekämpfen, wurde es mit jedem Rückfall schwieriger. Nicht nur die körperliche und geistige Abhängigkeit war zu groß, auch das Umfeld hatte sich verändert. Ich wohnte nicht mehr daheim, es gab keinen Arbeitsalltag mit festen Strukturen mehr, der Freundeskreis hatte sich deutlich verringert und nun stand auch noch ein Ortswechsel meines Vaters nach Northeim an. 

 

Die Phoenix AG wurde an die Continental verkauft und er wurde vor die Wahl gestellt, seinem Job zu folgen oder zu kündigen. Pest oder Cholera. Er ging auf Mitte 50 zu und seine Chancen, einen neuen Job in der näheren Umgebung zu finden, waren gering. Da meine Eltern auf sein Einkommen angewiesen waren, entschied er sich für Northeim. Er würde in der Woche dort wohnen und Freitagnachmittags nach Hause zurückkehren. Mama blieb allein mit Kane in Winsen zurück. 

 

Ohne einen geregelten Tagesablauf, ohne Hobbys und mangels sozialer Kontakte, setzte ihr die Einsamkeit bald so sehr zu, dass sie zu ihrem altbekannten Hilfsmittel griff. Jeglicher Fortschritt durch die Therapie wurde in Rekordzeit zunichte gemacht. Da ich berufstätig war, war ich tagsüber nur telefonisch erreichbar und dies auch nur begrenzt, da ich im Büro oftmals nicht ungestört reden konnte. Ich bemerkte schnell ihre schleppende Aussprache und oftmals hatte ich das Gefühl, dass sie mich nur anrief, um danach ungestört Trinken zu können. 

 

Es war nicht so, dass mich dieser neuerliche Rückfall überrascht hätte, denn davon hatten wir bereits zu viele erlebt, aber natürlich erschütterte mich jeder erneute Rückschlag zutiefst. Ich hatte keine Hoffnung mehr, dass wir ihre Alkoholsucht jemals in den Griff bekommen würden. Diese Hoffnungslosigkeit war inzwischen das Schlimmste für mich. Mir fehlte ein Strohhalm, an dem ich mich klammern und hochziehen konnte, aber da war nichts. Jeder Funken Hoffnung war erloschen. 

 

Die jahrelange Alkoholsucht meiner Mutter hatte mich zerrieben und ich hatte keine Kraft mehr, den Kampf gegen den Alkohol weiter auszufechten, aber natürlich hatte ich keine Wahl, denn ich saß mit im Boot und konnte meine Mutter nicht einfach auf dem sinkenden Schiff zurücklassen. Allerdings wog die Bürde mit jedem Jahr schwerer und drohte, mich mit in den Abgrund zu ziehen. Zu der Hoffnungslosigkeit beschlich mich auch ein wachsendes Gefühl der Angst: die Angst vor dem Tod. 

 

Wie lange würde der Körper meiner Mutter das alles noch mitmachen? Die Uhr tickte laut und deutlich. Ich betete, dass ich noch genügend Reserven hatte, um das alles durchzustehen. Der Gedanke, mit meinem Auto einen Brückenpfeiler zu rammen, kreiste erneut laut und verführerisch in meinem Kopf. Ich befand mich in einem Dauerzustand zwischen Depression und Aggression. Warum hatte sie es so weit kommen lassen? Wieso hörte sie nicht auf? Warum tat sie uns und sich das an? Mein Betteln und Flehen stießen bei ihr auf taube Ohren und das frustrierte mich noch mehr. 

 

Heute weiß ich, dass die Sucht ihre eigenen Gesetze hat. Damals gab es für mich nur Schwarz oder Weiß und ich verstand nicht, warum Mama sich konsequent für Schwarz entschied. Ich fühlte mich von ihr herabgesetzt. In meiner Gedankenwelt schien ihr der Alkohol wichtiger als die eigene Tochter zu sein. Das verletzte mich zutiefst. Ich wollte sie nicht ihrem Schicksal überlassen, aber aus reinem Selbstschutz ging ich vermehrt auf Abstand zu ihr, was ihre Einsamkeit nur noch mehr verstärkte.

 

 

*

 

 

Die Dynamik innerhalb unserer Familie hatte sich im Laufe der Jahre schleichend verändert. Waren meine Mutter und ich zu Beginn noch ein eingeschworenes Team, bildeten nun mein Vater und ich notgedrungen eine mehr oder weniger erfolgreiche Allianz. Er ließ sich im fernen Northeim berichten, was zuhause passierte, während ich vor Ort versuchte, die Scherben aufzukehren. Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, als er mir eines Tages beichtete, dass er manchmal absichtlich Geschäftsreisen am Wochenende zusagte, um nicht nach Hause zu meiner betrunkenen Mutter fahren zu müssen. Danke dafür. 

 

Ich fuhr am Wochenende nach Winsen, um nach dem Rechten zu sehen und um mit Kane Gassi zu gehen, wenn Papa nicht da war. Sobald ich die Haustür aufschloss, merkte ich, wie ich innerlich anspannte. Wie schlimm würde es sein? Bestenfalls war sie noch nüchtern, wenn ich kam. Dann würde es ein relativ entspannter Nachmittag werden, aber oftmals war sie leider nicht mehr nüchtern und ich musste meinen Fluchtinstinkt niederringen, um nicht auf dem Absatz kehrt zu machen. Ich versuchte mich auf Kane zu konzentrieren, der mich diesen ganzen Wahnsinn ertragen ließ. Wie bereits Pascha Jahre zuvor, war er mein größtes Glück. Ich weinte zwar nicht in sein Fell, aber die ausgedehnten Spaziergänge mit ihm pusteten meinen Kopf frei. Wie lebensnotwendig das für mich noch werden sollte, erfuhr ich sehr bald.

 

 

*

 

 

Mein Vater war indes mit der Situation daheim heillos überfordert. Seine Zündschnur wurde mit jedem Jahr kürzer und kürzer. Die Geister, die er mit seinem Seitensprung heraufbeschworen hatte, ließen sich nicht mehr vertreiben. Wenn er nicht vor meiner Mutter floh, schrie er sie immer öfter aus lauter Frust an. Oftmals lag nur eisiges Schweigen in der Luft, wenn ich zu Besuch kam. Die Beziehung lag komplett in Trümmern. Vermutlich hielt mein Vater es nur noch mir zuliebe mit meiner Mutter aus. Das entschuldigt jedoch nicht, dass er letztendlich eine rote Linie überschritt und die Hand gegen meine Mutter erhob. Wir konnten als Familie also durchaus noch tiefer sinken.

 

„Ich bringe Kane ins Tierheim“, sagte er eines Nachmittags eisig zur Begrüßung am Telefon. „Warum? Was ist passiert?“, fragte ich aufgeschreckt. „Warte, ich komme vorbei!“ Ich knallte den Hörer auf und sprintete zum Auto. Ich hätte mich am liebsten vor Angst übergeben. Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein. Ich drückte das Gaspedals meines Autos durch und hastete zur Wohnung meiner Eltern, panisch, was mich dort erwarten würde. „Was ist los?“ rief ich atemlos. „Mama hört nicht auf zu Trinken. Ich bringe den Hund ins Tierheim!“, antwortete mein Vater mit demselben eisigen Tonfall von vorhin. Ich war starr vor Schreck. Wenn er Kane ins Tierheim brachte, würde er nicht nur meine Mutter, sondern auch mich bestrafen. Wie konnte er uns das antun? 

 

Ich blickte meine aufgelöste Mutter an und da sah ich es: ein Veilchen unter ihrem Auge. Ich starrte sie ungläubig an und blickte dann meinen Vater an. Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht. Über die Jahre hatten wir uns die vielfältigsten Verletzungen zugefügt, aber niemals körperliche. Wurden wir langsam zu Tieren? Ich explodierte. „Was ist hier passiert??? WAS IST MIT MAMA PASSIERT?!!“, schrie ich ihn an. Da ich offenkundig keine Ausreden akzeptieren würde, gab er kleinlaut zu, dass ihm die Hand ausgerutscht sei. Er sei schockiert gewesen, als er sie bei seiner Heimkehr regungslos auf dem Boden vorgefunden hatte, den bellenden Hund neben sich. Als er sie zu Bewusstsein rüttelte, merkte er, dass sie betrunken war. Er wurde wütend und schlug zu. Er beteuerte, dass die Drohung mit dem Tierheim nicht ernstgemeint, sondern nur zur Abschreckung gedacht gewesen sei. 

 

Ich war schockiert. Meiner Wut tat das allerdings keinen Abbruch. „WIE TIEF WOLLEN WIR NOCH SINKEN??? MAN SCHLÄGT NIEMANDEN, IST DIR DAS KLAR?!!“, fuhr ich ihn an. Der Anblick meiner betrunkenen Mutter mit dem blauen Auge war zu viel für mich. „Mama, wenn Du nicht aufhörst, dann stirbst Du!“. Da, ich hatte es laut ausgesprochen: dann stirbst Du. Mama fing an zu weinen und ich tat es ihr gleich. Was hatte der Scheißalkohol nur aus uns gemacht?

 

 

*

 

 

Scham, Angst, Wut, Hilflosigkeit, Trauer, Abscheu - ich durchlebte diese Gefühle jeden Tag im Schnelldurchlauf. Mama hatte keine trockenen Phasen mehr. Der Alkohol hatte sie komplett im Griff und ich sah in ihr kaum noch die Mutter, die sie einst war. Ich schäme mich, das heute schreiben zu müssen, denn es fühlte sich an, als hätte ich sie aufgegeben, aber ich konnte ihr nicht die Zuneigung zeigen, die sie als Suchtkranke verdient hätte. Sie war ein Opfer, aber wir behandelten sie zeitweise wie eine Aussätzige.

 

Ich verabscheute vieles, was mein Vater im Laufe der Jahre angerichtet hatte: die Untreue und das blaue Auge meiner Mutter waren nur einige Dinge davon, allerdings konnte ich nachvollziehen, was ihn dazu getrieben hatte. Auch ich hätte meine Mutter nur allzu gerne manchmal zur Besinnung geschüttelt, wenn sie betrunken war. Die Sucht hat das aus uns gemacht. Sie hat uns in vielerlei Hinsicht verrohen lassen. Nach 20 Jahren war unsere Fähigkeit zur Empathie nahezu aufgebraucht. Unsere Tanks liefen auf Reserve. Es gab nichts, worauf ich in dieser Zeit sonderlich stolz gewesen wäre.

 

 

*

 

 

Die Farbe Gelb markierte den Anfang vom Ende. Uns fiel auf, dass Mamas Augen merkwürdig gelbstichig aussahen. Das konnte kein gutes Zeichen sein. Und hatte nicht auch ihre Haut einen leichten Gelbstich? Ich war beunruhigt. Gott sei Dank schien Mama auch bewusst zu sein, dass dies nicht normal sein konnte, denn sie widersetzte sich nicht, als ich ihre Ärztin anrief und einen Termin vereinbarte. 

 

Das Gesicht der Ärztin sprach Bände, als sie uns das Untersuchungsergebnis präsentierte: beginnende Leberzirrhose. Es war Fünf vor Zwölf. Mein Magen drehte sich um. Es war nicht so, dass dies komplett überraschend für mich kam, ich war ja nicht naiv, aber wenn einem derart die Realität ins Gesicht geschleudert wird, ist das dennoch ein herber Schlag in die Magengrube. 

 

Mama wirkte seltsam regungslos, als die Ärztin sie über die Gefahren aufklärte. Verstand sie nicht oder wollte sie nicht verstehen, dass sie in Lebensgefahr schwebte? Für mich war es ein Weckruf. Mir dämmerte die Ernsthaftigkeit der Lage und ich wollte nicht kampflos aufgeben. Ich kümmerte mich um einen Termin für Mama bei einer Beratungsstelle. Es musste schnellstmöglich eine Entgiftung und eine Therapie her, wenn wir das Ruder noch herumreißen wollten. 

 

Leider verpuffte auch der Warnschuss der Ärztin ungehört. Mama erklärte sich zwar bereit, mit mir zu einer Beratungsstelle zu gehen, jedoch wurde im Gespräch mit der Mitarbeiterin deutlich, dass sie keine Therapie wollte. Als Angehörige hatten wir keine Handhabe, sie dazu zu zwingen. Wir guckten also mal wieder in die Röhre. Wir hatten keine andere Wahl mehr als die Wand in Höchstgeschwindigkeit auf uns zurasen zu lassen.

 

 

*

 

 

Wir schienen mit der Zeit zunehmend ein Talent dafür entwickelt zu haben, falsche und absurde Entscheidungen zu treffen. Wie wären wir sonst auf die Idee gekommen, dass ein Urlaub unter den gegebenen Umständen eine gute Idee wäre? So fuhren wir also noch einmal in den Bayrischen Wald, wo wir bereits vor einigen Jahren unseren Urlaub verbracht hatten. Es war von Beginn an ein Riesenfehler. Welcher Teufel hatte uns bloß geritten? 

 

Mama war kaum in der Lage, die Treppen zum Schlafzimmer hochzusteigen, geschweige denn irgendwelche körperlichen Anstrengungen wie Wanderungen zu unternehmen. Papa war gefrustet und ich hatte den Eindruck, dass er sich für Mama schämte, als sie einmal am Büffet stürzte. Die Außenwirkung der Familie war ihm selbst jetzt noch wichtig. Wären wir nicht so verblendet gewesen, hätten wir sehen müssen, dass Mama in ein Krankenhaus und nicht in ein Hotel gehört hätte, aber wir tänzelten blind auf den Abgrund zu. 

 

Wir erreichten den Abgrund wenige Monate später. Es wurde immer offensichtlicher, dass Mama den Alltag nicht mehr allein bewältigen konnte. Sie wirkte zunehmend apathisch und vernachlässigte ihre Körperhygiene. An Spaziergänge mit Kane war nicht mehr zu denken. Ich versuchte, so gut es ging, mich um das Nötigste zu kümmern, was mir allerdings aufgrund meines Jobs und meines eigenen seelischen Zustandes nur bedingt gelang. Sie war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Es war eine reine Achterbahnfahrt der Gefühle. 

 

Ich versuchte, sie zum Essen zu bewegen, aber selbst die Hälfte einer kleinen Tütensuppe landete im Ausguss. Ich badete sie, in der Hoffnung, dass sie sich wieder ein bisschen mehr wie ein Mensch fühlen würde, aber sie war inzwischen in ihrer eigenen Welt gefangen. Der Alkohol hatte sie in ein anderes Universum katapultiert, zu dem wir nicht mehr durchdringen konnten.

 

Mir schwante nichts Gutes, als ich die Telefonnummer eines Nachbarn meiner Eltern auf meinem Display sah. „Du musst kommen“, sagte er knapp. Mir rutschte bei seinen Worten der Magen in der Kniekehle. Er hatte sich wohl bei einem Kurzbesuch einen Eindruck ihres Zustandes gemacht und war besorgt. Ich hatte Angst, was mich erwarten würde, als ich die Tür zu ihrer Wohnung aufschloss. Mama saß im Bademantel auf der Couch, vor sich ein Glas Weinbrand. Sie konnte sich also nicht allein waschen, kaum laufen, aß nichts, aber um sich Alkohol zu besorgen reichten ihre Kräfte noch? Oder versorgte sie jemand mit Alkohol? Blanke Wut stieg in mir auf. 

 

Ich riss das Glas vom Tisch, schüttete den Weinbrand unter lautem Fluchen in den Ausguss und machte mich auf die Suche nach der dazugehörigen Flasche. Ich schaute in jeden Winkel und jeden Schrank und wurde schließlich fündig. Eine angebrochene Flasche stand im Wohnzimmerschrank, eine zweite volle Flasche war unter der Bettdecke versteckt. Ich konnte es nicht glauben. Ich kochte vor Wut, als ich die beiden Flaschen ebenfalls in dem Ausguss entsorgte. Ich musste aus der Wohnung raus, also schnappte ich mir Kane. Draußen bemerkte ich, dass er offenbar den ganzen Tag noch nicht Gassi gegangen war, was meine Wut nur noch verstärkte. Mir war klar, dass ich Mama so nicht allein lassen konnte, auch wenn ich am liebsten geflüchtet wäre. Ich beschloss, die Nacht auf der Couch im Wohnzimmer zu verbringen. 

 

Die Stimmung war eisig und ich bekam die ganze Nacht kein Auge zu. Mama kämpfte mit Verdauungsproblemen und musste ständig auf Toilette. Alle Warnzeichen leuchteten tiefrot, aber ich bekam es in meiner Wut nicht mit. Nach einer schlaflosen Nacht musste ich am nächsten Morgen mit Entsetzen feststellen, dass Mamas Zustand sich in den letzten Stunden dramatisch verschlechtert hatte. Sie war komplett geschwächt und lethargisch. Ich versuchte meine Panik niederzukämpfen und rief den Notarzt. Sie kamen zu meiner Erleichterung bereits ein paar Minuten später. Ich berichtete ihnen in aller Kürze Mamas Vorgeschichte, während es ihr kaum gelang, sich selbständig anzuziehen. Ich war erleichtert, dass man sich jetzt in einem Krankenhaus um sie kümmern würde. Ich rief Papa an, der hörbar erschüttert über diese jüngste Entwicklung war. Er versprach, sofort nach Hause zu kommen. 

 

Mir war speiübel vor Angst. Ich meldete mich für den Tag krank und schnappte mir Kane für seine morgendliche Runde. Meine Gedanken purzelten aufgrund der Ereignisse der letzten Stunden wild durcheinander. Auf einer gegenüberliegenden Straßenseite stach mir ein Steinmetz ins Auge. Beim Anblick der auf dem Grundstück ausgestellten Grabsteine legte sich bei mir im Innern ein Schalter um. Heute würde ich es eine dunkle Vorahnung nennen, damals drängte ich den Gedanken schnell beiseite, um nicht vollends durchzudrehen. 

 

Nach unserer Rückkehr begann ich eine Tasche mit Kleidung für meine Mutter zu packen und fuhr zum Krankenhaus. Ich erwischte eine Krankenschwester und drückte ihr die Tasche in die Hand. Sie konnte mir nichts über Mamas Zustand erzählen, da die Untersuchungen noch andauerten. Ich wollte mich gerade in Richtung Ausgang begeben, als ich aus dem Augenwinkel einen Pfleger wahrnahm, der ein Bett mit einer Patientin über den Flur schob. Es war Mama. Ich sah wie sie sich unruhig hin und her wälzte. 

 

Bevor ich zu ihr hingehen und mit ihr sprechen konnte, war der Pfleger auch schon mit ihr in einem Untersuchungszimmer verschwunden. Aus unerfindlichen Gründen beschloss ich, dass ein weiterer Besuch heute keinen Sinn machen würde, wenn sie sich so schlecht fühle. Dies sollte sich als die größte Fehlentscheidung meines Lebens herausstellen, denn es war das letzte Mal, dass ich sie lebend sah.

 

 

 

 

 

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Teil IV

 

 

 

Nach meinem Besuch im Krankenhaus fuhr ich nach Hause. Papa war nachmittags in Winsen angekommen und ich berichtete ihm telefonisch von meinem Besuch. Ich weiß nicht, wie es in ihm aussah, aber ich vermute stark, ihm ging es nicht anders als mir. Wir konnten nur abwarten. Ich versuchte mich mit Fernsehen abzulenken, aber meine Gedanken drifteten ständig ab und ich nahm nicht wahr was auf dem Bildschirm vor mir geschah. 

 

Es war gegen 20:15 Uhr als mein Handy klingelte. Eine Winsener Nummer. Ich wusste es, bevor es die Stimme am anderen Ende der Leitung laut aussprach. Mama war tot. Eine Ärztin informierte mich, dass sie vor wenigen Minuten gestorben sei und wenn wir sie noch einmal sehen wollten, müssten wir uns beeilen. Herzliches Beileid. Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch. Wir hatten den Kampf verloren. Wir würden nie mehr mit ihr reden, mit ihr lachen oder mit ihr streiten. Ich hatte die Liebe meines Lebens verloren. Sie wurde nur 54 Jahre alt.

 

Ich weinte hemmungslos, aber ich musste irgendwie meine Fassung wieder erlangen, denn ich musste Papa die niederschmetternde Nachricht übermitteln. Ich hasste es, denn ich wusste, dass mein Anruf sein Leben zerstören würde, so wie meines gerade zerstört worden war. Ich hätte es ihm so gerne erspart und ich werde nie vergessen, wie er mit tränenerstickter Stimme „Nein!“ in den Telefonhörer schrie und am anderen Ende der Leitung förmlich zusammenbrach. Wir waren uns einig, dass wir Mama noch einmal sehen wollten um uns von ihr zu verabschieden. 

 

Die Fahrt nach Winsen kam mir unendlich lang vor und ich konnte vor lauter Tränen kaum sehen wohin ich fuhr. Just als ich die Ausfahrt Winsen-Ost erreichte, riss der graue, wolkenverhangene Himmel auf und ein paar Sonnenstrahlen lugten durch die Wolken. Im Radio sang Morten Harket „I’m hunting high and low and now she’s telling me, she’s got to go away…”, was meine Tränenflut nur noch verstärkte. Alles in dem Moment fühlte sich nach Abschied an. Ich erreichte die Wohnung meines Vaters und öffnete die Tür mit meinem Schlüssel. Mein Vater stand im Wohnzimmer und sah mich an. Ohne ein Wort zu sagen, weinten wir los und umarmten uns. Wir waren jetzt zwei Hinterbliebene. 

 

Wir machten uns auf den Weg ins Krankenhaus. Ich fürchtete den Moment, wenn wir das Zimmer meiner Mutter betreten würden. Ich hatte zuvor noch nie einen toten Menschen gesehen und mir graute davor, dass es ausgerechnet meine eigene Mutter war. Eine Ärztin der Station kam uns entgegen und zeigte uns den Weg zu dem Zimmer, in dem Mama lag. Es gibt Bilder, die brennen sich für immer ins Gedächtnis ein. Ich werde nie vergessen wie wir die Tür zu dem Zimmer öffneten und Mama in einem Totenhemd mit Blumen in ihren gefalteten Händen auf dem Bett lag. Der Anblick war der Realitätshammer für uns schlechthin. Wir brachen endgültig zusammen.

 

Es gab so vieles, was ich ihr gerne noch gesagt hätte, aber die Trauer und die Schuldgefühle, die ich empfand, raubten mir die Worte. Der Anblick meiner toten Mutter ist das weitaus Schlimmste, was ich je gesehen habe, aber fast genauso schlimm war der Gedanke, dass wir sie in menschlicher Gestalt nie wiedersehen würden, sobald wir das Krankenhauszimmer verließen, in dem ihr Leichnam lag. Fortan würde sie nur noch in unseren Erinnerungen und auf Fotos weiterleben. Ich war definitiv nicht bereit dafür. Aber der Moment kam unweigerlich und das Gefühl, die Tür ein letztes Mal hinter sich zu schließen und sie zurücklassen zu müssen, war – mit Verlaub – absolut beschissen. Wir fuhren wie die geprügelten Hunde nach Hause. 

 

Mir tat Papa unendlich leid, denn er musste in die leere Wohnung zurückkehren, in der Mama vor wenigen Stunden noch gelebt hatte. Uns beiden stand die schlimmste Nacht unseres Lebens bevor. Ich hatte kaum die Tür zu meiner Wohnung hinter mir geschlossen, als sich die Schleusen auch schon wieder öffneten. Eigentlich hätte ich zu dem Zeitpunkt keinen Milliliter Flüssigkeit mehr in meinem Körper haben können. Ich war förmlich leergeheult. 

 

Trauer, Leere und Einsamkeit bildeten ein unnachgiebiges, nagendes Dreiergespann. Ich richtete mich auf eine tränenreiche, schlaflose Nacht ein, aber irgendwann war die Erschöpfung scheinbar doch zu groß und ich schlief gnädigerweise auf der Couch ein. Ich wachte mitten in der Nacht mit einem Brummschädel und verquollenen Augen auf. Von meiner Couch konnte ich durch das Fenster den sternenklaren Himmel über mir sehen. Ich sah den Polarstern, der alles überstrahlte, so als hätte Mama mir ein Zeichen geschickt: Sieh her, ich bin gut angekommen. Ich tat das, was ich inzwischen am besten konnte: ich weinte. 

 

 

*

 

 

Unser komplettes Leben hatte sich über Nacht um 180 Grad gedreht. Alles war anders und die Trauer und Leere waren übermächtig. Während ich mich am liebsten in ein tiefes Loch vergraben hätte, versuchte mein Vater seine Trauer mit Aktionismus zu bekämpfen. Ich war dankbar, dass er die schwere Aufgabe übernommen hatte, unsere Verwandten, Freunde und Nachbarn über Mamas Tod zu informieren. Ich konnte das nicht. Mir tat es in der Seele weh, dass wir ihnen diese Nachricht übermitteln mussten. Ich ahnte, dass es besonders Mamas Freundinnen den Boden unter den Füßen wegziehen würde, und das tat es. Es flossen viele Tränen, als sie mich anriefen, um mir ihr Beileid auszusprechen. Sie waren genauso erschüttert wie wir. Die Welle der Anteilnahme rührte mich sehr, überforderte mich gleichzeitig aber auch. 

 

Papa und mir stand zudem die verhasste Aufgabe bevor, uns um die Bestattung kümmern zu müssen. Es fühlte sich surreal und beklemmend an. Vor gerade einmal 24 Stunden war Mama noch am Leben gewesen und jetzt saßen wir im Bestattungsinstitut und sprachen über ihre Trauerfeier, ihren Sarg und andere Formalitäten. Ich wünschte mich weit weg. Je länger der Termin dauerte, umso mehr Tränen flossen und mit jeder Frage des Bestatters wurden unseren Antworten einsilbiger. Es war die Hölle. 

 

Ich versuchte, mich innerlich zu wappnen, als wir nach dem Besuch im Bestattungsinstitut zurück zu Papas Wohnung fuhren. Ich betrat die Wohnung wie in Trance. In Zeitlupe drehte ich im Wohnzimmer meinen Kopf in Richtung Couch. Ich erwartete fast, meine Mutter dort auf ihrem Stammplatz in der Ecke sitzen zu sehen, aber der Platz war leer. Ich versuchte den fetten Kloß in meinem Hals runterzuwürgen. Mamas Präsenz war noch deutlich zu spüren, so als kehre sie jeden Moment zurück. Kane freute sich, dass wir zurück waren, und ich erklärte mich nur allzu gern bereit, eine Runde mit ihm zu drehen. Ein bisschen frische Luft konnte nicht schaden, aber in allererster Linie wollte ich aus der Wohnung raus. Ich brauchte einen Moment für mich. 

 

Während Kane ausgiebig jeden Grashalm beschnupperte, kreisten meine Gedanken unablässig um Mama. Mich plagten massive Schuldgefühle. Hätte ich früher reagieren müssen, als es ihr schlecht ging? Hätte ich mehr tun können? Am schwersten wog jedoch, dass wir im Streit auseinander gegangen waren. Ich hatte sie meine Wut über den Fund der beiden Flaschen Weinbrand und ihrem physischen Zustand deutlich spüren lassen. Hätte ich gewusst, dass ich sie nie wiedersehen würde, hätte ich mich anders verhalten. Mit diesen Schuldgefühlen musste ich zukünftig leben. 

 

Ich merkte wie mir die Tränen kamen. Da die Straße menschenleer war, ließ ich sie einfach laufen. Die Trauer musste raus. Ein kleiner Windstoß blies mir direkt ins Gesicht, so wie Mama früher immer auf meine Wunden gepustet hatte, wenn ich als Kind hingefallen war und weinend zu ihr lief. Bei jedem Schluchzer schien der Wind ein wenig kräftiger in mein Gesicht zu blasen, so als wolle er meine Tränen einfach wegpusten. Mama wollte da oben wohl nicht, dass ich zu viele Tränen um sie vergoss, dachte ich bei mir und weinte nur noch mehr.

 

Papa und ich mussten uns neben unserer Trauer auch noch die drängende Frage stellen, was aus Kane werden solle, jetzt wo Mama tot war. Wer sollte sich um ihn kümmern? Ein Tierheim kam für uns nicht in Frage. Es war schon schwer genug, Mamas Verlust verkraften zu müssen. Ein weiterer Verlust hätte uns den Boden unter den Füßen weggerissen. Zu Papa nach Northeim oder zu mir nach Harburg war allerdings aufgrund unserer kleinen und im Sommer zu heißen Dachgeschosswohnungen auch keine Option. Es blieb nur eine Lösung: ich würde in der Woche in der Wohnung meines Vaters in Winsen wohnen und mich um Kane kümmern, Freitagnachmittag würde mein Vater mich nach seiner Rückkehr aus Northeim dann ablösen. Wir würden uns also mehr oder weniger die Klinke in die Hand geben. Soweit der Plan. 

 

Aber erst einmal mussten wir die Zeit bis zur Trauerfeier überstehen. Mein Vater hatte spontan einen längeren Urlaub beantragt. Ich kehrte nach ein paar Tagen Sonderurlaub wieder ins Büro zurück. Ich hätte mich am liebsten in meiner Wohnung verkrochen und fühlte mich außerstande wieder unter Menschen zu gehen, aber ich konnte mich auch nicht ewig unter einem Stein verkriechen. Ich hatte Angst vor den mitfühlenden Blicken meiner Kollegen. Ich wollte nicht vor ihnen in Tränen ausbrechen. Ich hoffte inständig, dass mich die Arbeit ein wenig ablenken würde, aber sobald ich nachmittags die Wohnungstür hinter mir schloss, kam die Trauer mit geballter Wucht zurück.

 

Je näher die Trauerfeier rückte, umso schwerer wurde uns ums Herz. Sie würde uns unweigerlich vor Augen führen, dass Mama tot war. Es war einsam in den letzten Jahren um Mama geworden, aber am Tag ihrer Beerdigung erwiesen ihr viele Freunde, Verwandte, ehemalige Kollegen und Nachbarn die letzte Ehre. Es war traurig, dass wir aus diesem Anlass zusammenkommen mussten. Ich nahm alles wie durch einen Nebel wahr und ließ die Beileidsbekundungen über mich ergehen. So sehr ich auch versuchte, mich von der Trauer und dem Schmerz abzukapseln, schleuderte mich der Anblick des Sarges in der Kapelle wieder in die Realität zurück. 

 

Es wurde die längste und schmerzhafteste Stunde meines Lebens. Mein Vater und ich sanken auf der Sitzbank immer mehr in uns zusammen, während unser Taschentuchverbrauch proportional dazu anstieg. Wir waren erleichtert, als es endlich vorbei war. Nicht, dass es uns dadurch besser gegangen wäre, aber wir sehnten uns nach Ruhe. Wir trauerten lieber allein in unserem stillen Kämmerlein. Aus diesem Grund hatten wir auch entschieden, dass die Urnenbeisetzung ein paar Wochen später nur im engsten Familienkreis stattfinden sollte. Ich hoffte sehr, dass wir dann endlich beginnen konnten, das Erlebte zu verarbeiten.

 

Die Urnenbeisetzung war ähnlich schlimm wie die Trauerfeier wenige Wochen zuvor, jedoch ruhten dieses Mal nicht die Augen der anderen Trauergäste auf uns. Der endgültig letzte Abschied war meinem Vater und mir sowie einem weiteren Verwandten vorbehalten. Alles, was von Mama übrig war, steckte jetzt in einer kleinen Urne. Ich hätte am liebsten „Halt!“ geschrien, als der Pfarrer die Urne in das offene Grab hinabsenkte, aber es hätte Mama auch nicht wieder lebendig gemacht. Ich konnte nur hoffen und beten, dass es ihr besser ging, wo sie jetzt war. Hoffentlich hatte sie ihren Frieden gefunden, so wie ich hoffte, meinen irgendwann finden zu können.

 

 

*

 

 

Papas Urlaub war zu Ende und ich würde von nun an unter der Woche in Winsen leben. Ich lud meine Tasche ins Auto und fuhr los. Kane war zwar bei mir, aber ich war seit dem Tod meiner Mutter nicht mehr allein in der Wohnung gewesen. Ich erwartete immer noch, dass meine Mutter jeden Moment durch die Tür hereinspaziert käme. Die erste Nacht war grauenhaft und ich bekam kein Auge zu. Vielleicht hatte ich als Teenager zu viele Horrorfilme gesehen, aber ich hatte Angst, dass meine tote Mutter vor mir stehen würde, sobald ich die Augen öffnete. 

 

Ich war völlig gerädert als am nächsten Morgen mein Wecker klingelte. Kane schien mein zerknittertes Aussehen nichts auszumachen. Er sprang wie ein Flummi hin und her als ich mir endlich die Schuhe anzog. Die frische Morgenluft war eine Wohltat für meine müden und verheulten Augen. Los ging’s. War Pascha eher von der gemütlichen Sorte gewesen, war Kane das komplette Gegenteil. Er schoss wie von der Tarantel gestochen zur Tür raus und drosselte sein Tempo erst an der nächsten Straßenecke. Mir war das eigentlich zu viel Sport um diese Uhrzeit, aber ich ließ mich trotzdem von seinem Elan mitreißen. Bereits nach wenigen Metern war ich schweißgebadet und atmete schwer. 

 

Nach einer Weile verringerte er sein Tempo ein wenig. Flotten Schrittes bogen wir auf einen Feldweg ein und wurden von der morgendlichen Dunkelheit verschlungen. Ich blickte über mir in den Sternenhimmel und fragte mich, ob Mama uns jetzt wohl sehen könne und wie es ihr da oben ginge. Wir mussten hier unten unseren Weg nun buchstäblich allein gehen. Bei dem Gedanken schossen mir wieder Tränen in die Augen, aber da Kane und ich die einzigen Seelen weit und breit hier in der Mitte von Nirgendwo waren, hielt ich sie nicht zurück. Später im Büro musste ich wieder funktionieren, also heulte ich lieber jetzt allein im Dunkeln vor mich hin. 

 

Ich hing meinen Gedanken nach während Kane ausgiebig schnupperte und sein Revier markierte. Man merkte wie sehr er die langen Spaziergänge genoss. Als wir wieder zuhause ankamen, war ich ziemlich geschafft, aber der Tag hatte gerade erst begonnen. Die Arbeit rief. Es fiel mir schwer, Kane so lange allein lassen zu müssen. Ich hastete zum Bahnhof um den Zug in Richtung Hamburg zu erwischen. 

 

Mein erster Arbeitstag unter diesen neuen Umständen zog sich ewig hin. Ich war komplett übermüdet und wollte am liebsten nur noch ins Bett, aber Kane wartete zuhause auf mich. Das Bett musste noch warten. Erstmal stand wieder eine große Gassirunde an. Kane hatte mich schon von weitem gehört und tänzelte vor Freude hinter der Glasscheibe der Wohnzimmertür auf und ab, als wäre ich drei Jahre weg gewesen. Nach einem Leckerli und einer Runde Toben starteten wir zu unserer abendlichen Runde.

 

Als ich abends um 20 Uhr die Tür hinter uns abschloss, war ich hungrig und reif für das Bett. Ich schlang zwei Scheiben Brot herunter und hoffte, dass ich diese Nacht Schlaf finden würde. Ich wusste nicht wie ich sonst das gleiche Programm morgen nochmal abspulen sollte. Meine Beine fühlten sich jetzt bereits an als sei ich den Jakobsweg gelaufen und die Müdigkeit tat ihr Übriges. Ich sank ins Bett, aber der Schlaf wollte sich auch diese Nacht nicht einstellen. Kaum war das Licht erloschen und die Wohnung still, kreisten meine Gedanken wieder um Mama. In meinem Kopf liefen die Szenen unserer letzten gemeinsamen Stunden in Dauerschleife. Gegen Morgen schlief ich erschöpft ein. 

 

Das grausame Klingeln des Weckers ließ mich hochschrecken. 5 Uhr. Wie gern hätte ich ihn gegen die Wand geschmissen, aber es nützte nichts. Dies hier war mein neuer Alltag, also sollte ich mich besser daran gewöhnen. Ich quälte mich aus dem Bett und ging ins Badezimmer. Kane wedelte erwartungsfroh mit dem Schwanz, als ich frisch geduscht aus dem Bad kam, denn er wusste, dass es nun nicht mehr lange dauerte, bis wir Gassi gingen. Seine Freude war ansteckend. Wenn ich ihn ansah, wusste ich, warum ich das alles auf mich nahm. Ich brauchte ihn, so wie er mich brauchte. Seine aufrichtige Liebe war der Motor, der mich wortwörtlich am Laufen hielt. 

 

Wie bereits am Vortag riss er mich aus der Tür und lief mit mir im Schlepptau im Galopp bis zur Straßenecke. Wir ließen uns durch die menschenleeren Straßen Winsens treiben, meine Tränen flossen dabei ununterbrochen und wir marschierten, bis die Sonne aufging. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass wir langsam den Heimweg antreten mussten. 

 

Er ahnte offenbar bereits, dass ich ihn nach unserer Heimkehr wieder allein lassen würde und machte mir den Abschied dementsprechend schwer. Er wich in der Wohnung nicht von meiner Seite, so dass ich ihn mit einem Leckerli bestechen musste, um die Wohnung verlassen zu können. Er war es bis zum Tode meiner Mutter gewohnt gewesen, dass immer jemand zuhause war und nun blieb er fast 9 Stunden allein. Das war nichts, worauf ich stolz war. Ich war froh, dass meine Vorgesetzten mir zugestanden, Minusstunden machen zu können, damit er nicht noch länger allein blieb, aber es war trotzdem eine viel zu lange Zeitspanne für einen Hund. Ich konnte nur hoffen, dass er die meiste Zeit verschlief. Mein schlechtes Gewissen besänftigte das aber nicht. 

 

Chow Chows sind aufgrund ihres Charakters leider keine idealen Kandidaten für Hundepensionen und fremden Menschen gegenüber sind sie äußerst misstrauisch. Die Nachbarn meiner Eltern hatten bereits durchblicken lassen, dass sie in Notfällen aushelfen würden, aber auch nur dann. Wir mussten das also allein hinbekommen. Koste es, was es wolle. Also schleppte ich mich auch an diesem Morgen, vollkommen übermüdet und von meinem schlechten Gewissen und der Trauer geplagt, zur Bahn. Verspätungen und Zugausfälle sollten in den nächsten Jahren meine größten Feinde werden. Heute lief jedoch zum Glück alles nach Plan.

 

Wie jeden Nachmittag drängten sich Trauben von Menschen nach Feierabend in den Regionalzug in Richtung Winsen. An einen Sitzplatz war wieder einmal nicht zu denken. Ich war so müde, dass mir sogar im Stehen die Augen zufielen. Eine Stimme holte mich in die Gegenwart zurück. „Fahrkartenkontrolle, die Fahrscheine bitte!“. Ich wühlte in meiner Tasche nach meinem Portemonnaie, zog meine Jahreskarte heraus und hielt sie der Zugbegleiterin hin. Nachdem ich ihren Belehrungen über den Groß- und Gesamtbereich und der Ergänzungskarte gelauscht hatte, war ich umso erleichterter, jegliche menschliche Interaktion für den Tag einzustellen und mich nur noch auf Kane konzentrieren zu können. Seine aufrichtige Liebe war die beste Medizin für mich. 

 

 

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Das erste Jahr nach Mamas Tod war eine einzige Qual und wir blickten den Feiertagen und ihrem ersten Todestag mit Angst entgegen. Mein Vater und ich versuchten unsere Geburtstage und die Feiertage halbwegs normal zu gestalten, aber die Lücke in unserer Mitte war uns nur allzu deutlich bewusst. Ein Stuhl am Tisch würde immer leer bleiben, ein Anruf würde immer fehlen. 

 

Früher hatten wir an Mamas Geburtstag gegrillt, waren Essen gegangen oder hatten Kaffee getrunken, jetzt stand ich stattdessen an ihrem Grab und heulte Rotz und Wasser. Alle Feiertage hatten über Nacht ihren Reiz verloren. Allerdings dämmerte mir auch langsam, dass ich bis zu einem gewissen Grad selbst für mein Glück verantwortlich war. Es musste sich etwas ändern. Die Trauer durfte kein Dauerzustand werden. Ich musste zwingend lernen mit ihr zu leben. Ich wollte nicht den Rest meines Lebens mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf durchs Leben gehen.

 

Waren die Spaziergänge mit Kane zu Beginn mehr oder weniger Trauermärsche gewesen, dachte ich nun vermehrt darüber nach, was ich mir von meiner Zukunft erhoffte und welche Änderungen vonnöten waren, damit es aufwärts ging. Der Wecker klingelte für meinen Geschmack zwar immer noch viel zu früh, aber ich sah durchaus auch das Schöne, was diese frühe Stunde bot: endlose Sternenhimmel, unzählige Sternschnuppen, Sonnenaufgänge wie aus dem Bilderbuch, eine Natur, die langsam erwacht. 

 

Jede Sternschnuppe, die ich sah, war für mich ein Gruß meiner Mutter. Wenn ich den Polarstern betrachtete, dachte ich an sie. Ich glaubte zwar nicht an Geister und Übersinnliches, aber der Gedanke, dass sie von dort oben auf mich herunterschaute und mir ein Zeichen in Form einer Sternschnuppe schickte, hatte etwas durchaus Tröstliches. Unheimlicher wurde es jedoch, als ich eines Nachmittags feststellen musste, dass ihre antike Uhr just zu der Uhrzeit ihres Todeszeitpunktes stehengeblieben war. Ich erschauderte und beschloss, fortan nur noch auf positive Zeichen zu achten. 

 

Meine Beine hatten sich inzwischen an die kilometerlangen Spaziergänge gewöhnt und meine Kondition hatte sich Kanes hohem Tempo angepasst. Mit jedem gelaufenen Kilometer hatte ich das Gefühl, dass meine Gedanken klarer wurden. Es würde noch viel Arbeit vor mir liegen, aber ich wollte, dass sich die Dinge zum Besseren wendeten. Das Glas sollte halbvoll und nicht halbleer sein. Mama würde nicht wollen, dass ich für den Rest meines Lebens trauerte. Sie wollte, dass ich ein glückliches Leben führte. Sie war bis zu ihrem Tod zwanzig Jahre alkoholabhängig gewesen und ich war gerade einmal 32 Jahre alt, als sie starb. Ich hatte also noch einige Jahre vor mir. Ich wollte das Ruder herumreißen, egal wie lange es dauern würde.

 

Das Zusammenspiel zwischen meinem Vater und mir funktionierte indes mal mehr und mal weniger gut. Es gab leider immer noch viele Geschäftsreisen, die er wahrnehmen musste und die ausgerechnet auf die Wochenenden fielen, an denen ich mich eigentlich von meinem wöchentlichen Pensum erholen wollte, aber grundsätzlich hatte sich unsere Beziehung seit dem Tod meiner Mutter deutlich verbessert und uns mehr zusammengeschweißt. 

 

Es mag komisch klingen, wenn man bedenkt, was vorgefallen war und welchen Anteil er an den Geschehnissen hatte, aber ich habe ihm seit dem Tod meiner Mutter niemals einen Vorwurf daraus gemacht, denn ich wusste, dass er mit seiner Schuld bis an sein Lebensende würde leben müssen, so wie ich es mit meiner tue. Sein Päckchen wiegt allerdings deutlich schwerer als meins. Wir waren beide gestraft genug und wir konnten das Geschehene nicht mehr rückgängig machen. Ihr Tod war eine Zäsur für uns, aber er bedeutete auch, dass das Thema Alkohol zukünftig nicht mehr unser Leben bestimmen würde. Wir hatten den höchstmöglichen Preis bezahlt - das ließ sich nicht mehr ändern - aber wir konnten die Kontrolle über unser Leben wieder erlangen und an einer besseren Zukunft arbeiten.

 

Ich marschierte weiter bei Wind und Wetter mit meinem flauschigen Kilometerfresser und ein Jahr ging in das nächste über. Kane wurde langsam älter und seine Schritte wurden behäbiger. Er fing an eine Pfote etwas nachzuziehen und die Tierärztin diagnostizierte eine beginnende Arthrose bei ihm. Wir würden uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass er jetzt offiziell ein Senior war. Seiner Lust am Laufen tat die Arthrose dennoch keinen Abbruch. Er marschierte die Strecken jetzt halt etwas langsamer. Ich plante mehr Zeit für unsere morgendlichen Runden ein und mein Wecker klingelte fortan bereits um 4 Uhr, damit er seinen Auslauf bekam. Eingehüllt in mehrere Schichten Kleidung versuchte ich der Winterkälte zu trotzen. Früher war die Kälte kein Problem, sie wurde einfach durch das schnelle Tempo wettgemacht, aber jetzt litt ich ziemlich darunter und hoffte, keine Erfrierungen davon zu tragen. 

 

Wir versuchten mit Tabletten der Arthrose entgegenzuwirken, aber sie schritt unaufhaltsam fort. Kane hatte vermehrt Probleme beim Aufstehen und brauchte oftmals mehrere Anläufe, um auf die Beine zu kommen. Mir brach es das Herz, ihn so zu sehen. Ich versuchte mich gegen den Gedanken an den drohenden Abschied zu wappnen, aber natürlich gelang es mir nicht. Fünf Jahre hatte ich mich bis zu dem Zeitpunkt um ihn gekümmert. Diese lange Zeit hatte uns zusammengeschweißt. Er war der Grund, warum ich mich nicht aufgegeben hatte. Er war in vielerlei Hinsicht mein bester Freund geworden und ich wollte ihn nicht gehen lassen. Ich konnte nur hoffen, dass ich den richtigen Moment erkannte, an dem er gehen wollte, denn er sollte nicht unnötig leiden.

 

Unsere Runden waren inzwischen sehr klein geworden, aber wie jeden Tag machte ich mich an diesem Sonntagmorgen für unseren Spaziergang fertig. Kane versuchte aufzustehen, aber es gelang ihm auch nach mehreren Versuchen nicht. „Vielleicht geht’s, wenn ich ihm gleich hochhelfe“, dachte ich mit wachsender Verzweiflung und ging kurz ins Bad, während ich versuchte die bittere Vorahnung in mir niederzukämpfen. Mein altbekannter Freund, der Kloß im Hals, meldete sich. Als ich die Tür wieder öffnete, sah ich, dass Kane sich mit letzter Kraft hochgekämpft haben musste um näher zur Badezimmertür – zu mir - zu gelangen. Er sah mich an, wedelte mit dem Schwanz und ich wusste, dass der Moment, vor dem ich mich so gefürchtet hatte, gekommen war. Ich ging auf die Knie und umarmte ihn, während mir die Tränen in Strömen über das Gesicht liefen.

 

Wieder einmal musste ich meinem Vater eine Hiobsbotschaft überbringen, wieder einmal würde er in eine – diesmal komplett – leere Wohnung zurückkehren. Wir waren uns allerdings einig, dass ich mit dem Anruf bei der Tierärztin nicht bis zu seiner Rückkehr warten sollte. Kane sollte nicht länger leiden, also rief ich unsere Tierärztin an, die versprach schnellstmöglich zu kommen. 

 

Ich führte Kane in den Garten hinaus, wo er so gern gelegen hatte, und nahm still Abschied. Ich blieb an seiner Seite, als die Tierärztin die Spritze setzte und trug ihm zum Auto, als es vorbei war. Es war das Einzige, was ich noch für meinen Freund tun konnte. Zurück in der Wohnung, blickte ich mich um. Die Leere und die einhergehende Stille waren erdrückend. Mama war weg und jetzt auch Kane. Die Trauer war mit aller Macht zurück in unseren vier Wänden. Ich hatte meine Freiheit zurück, aber der Preis war mir eindeutig zu hoch. Ich fing an, Kanes Sachen wegzuräumen, damit Papa später nicht von deren Anblick erdrückt wurde und packte anschließend meine Sachen zusammen. Ich wurde hier nicht mehr gebraucht. Es war Zeit, die Ergänzungskarte für mein weiteres Leben zu lösen.

 

 

 

 

 

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Epilog

 

 

Warum dieser Erfahrungsbericht? Und warum zum jetzigen Zeitpunkt, 18 Jahre nach dem Tod meiner Mutter? Dies waren die meistgestellten Fragen, als ich von meinen Plänen berichtete, den nicht so schönen Teil meiner Familiengeschichte aufzuschreiben. Die ehrliche Antwort ist: ich weiß es nicht. Es gab keinen konkreten Auslöser und auch keinen Wunsch nach einem „Abschluss“, denn den wird es niemals geben. 

 

Der Tod meiner Mutter wird immer eine offene Wunde bleiben, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Ich habe lange gezögert, meine Pläne in die Tat umzusetzen, denn mir ist durchaus bewusst, dass meine Mutter sich hierzu nicht äußern kann und mein Vater wahrscheinlich nicht sehr erfreut sein wird, dass ich unser Familienleben derart an die Öffentlichkeit zerre. Es ist ein gewagter Schritt, aber letztendlich überwog bei mir der Wunsch, ein offenes und ehrliches Bild zu zeichnen, was Alkohol bzw. Sucht im Allgemeinen mit Menschen und ihren Angehörigen anrichtet. 

 

Das Thema Sucht ist ein weitverbreitetes Problem. Leider spricht man viel zu selten öffentlich darüber. Es ist mit viel Scham behaftet und viele Menschen (insbesondere Kinder) leiden still. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, was bei uns zuhause los war und habe mich an die schockierten Blicke gewöhnt, wenn ich auf die Frage nach der Todesursache meiner Mutter antworte. Ich persönlich denke aber, dass mir diese Offenheit bei der Verarbeitung der Erlebnisse immens geholfen hat. Und ich hoffe, dass ich damit auch anderen Menschen helfen kann, sich zu öffnen bzw. um Hilfe zu bitten. 

 

Als Teenager habe ich mich oft von den Erwachsenen im Stich gelassen gefühlt. Ich würde mir sehr wünschen, dass jede/r, der oder die das hier liest, künftig einen Blick auf das familiäre Umfeld eines Suchtkranken wirft. Sind Kinder direkt oder indirekt betroffen? Hilfe und Unterstützung anbieten kostet keinen Cent, kann aber einen großen Unterschied ausmachen. 

 

Ich habe mich entschieden, nur die prägendsten Ereignisse der langen Suchtkrankheit meiner Mutter niederzuschreiben, da sie am besten die unterschiedlichsten Dynamiken der Sucht zeigen, und wie aus einer Vorzeigefamilie über die Jahre eine dysfunktionale Familie wurde. Dadurch erscheint der Text manchmal lückenhaft bzw. macht stellenweise große Zeitsprünge. Es hätte jedoch schlicht den Rahmen gesprengt, wenn ich versucht hätte, einen Zeitraum von 20 Jahren (25, wenn ich den Zeitraum der Hundebetreuung mitrechne) chronologisch zu Papier zu bringen. Ferner habe ich bewusst auf die Nennung von Namen oder für den Text nicht relevante Details verzichtet. Die Familie meines Vaters findet aus diesem Grund keine Erwähnung, da sie während dieser Zeit lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt hat.

 

Für manche mag es überraschend klingen, aber ich würde mir auch heute keine anderen Eltern wünschen. Sie haben mich durch die Hölle und zurück geschickt, aber ich bin nach wie vor sehr dankbar für alles, was sie für mich getan und für die Liebe, die sie mir geschenkt haben bevor der Alkohol in unser Leben trat. Hätte ich dieses starke Fundament in den ersten 12 Jahren meines Lebens nicht gehabt, hätte ich mit Gewissheit deutlich stärkere seelische Blessuren davongetragen.

 

Mein Vater und ich haben heute ein gutes, wenn auch kein perfektes Verhältnis. Wir ticken in vielerlei Hinsicht unterschiedlich, aber ich bin froh, ihn zu haben. Ich musste ihm viel verzeihen, aber in unserem Fall war das familiäre Band stark genug, dass unsere Beziehung diese schwierige Zeit überdauert hat, wenn auch mit einigen Kratzern und Abschürfungen. Während er seit einigen Jahren in einer neuen Beziehung lebt, ist mir meine Unabhängigkeit das Wichtigste. Ich habe meine Narben davongetragen, aber ich bin heute glücklich und würde mir von Herzen wünschen, anderen Betroffenen zeigen zu können, dass ein gutes, glückliches und selbstbestimmtes Leben nach einem solchen Schicksalsschlag möglich ist, auch wenn es viel Kraft kostet. 

 

Wenn ich heute an meine Mutter denke, sehe ich in erster Linie die Frau und Mutter vor mir, die sie vor ihrer Krankheit war und von der ich viele Charaktereigenschaften geerbt habe. Der Alkohol hat mir meine Mutter genommen, aber glücklicherweise nicht das Bild, dass ich von ihr in meinem Herzen trage. Sie fehlt mir sehr. Ich bin überzeugt, dass sie von da oben auf mich runterschaut, ihre schützende Hand über mich hält und stolz auf mich ist, wie ich mein Leben meistere. Und das ist ein sehr tröstliches Gefühl.

 

Daniela Henningsen im November 2025

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*** Wenn Sie selbst depressiv sind, wenn Sie Suizid-Gedanken haben, dann kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge im Internet oder über die kostenlosen Hotlines 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 oder 116 123 ***

© Daniela Henningsen / Fotos: iStock by Getty Images. Alle Rechte vorbehalten. 

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